bär aktuell 200 und bild des monats

Mai 3rd, 2016

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Jürgen Raap, „Das Buch der Zeit“ und „Walküren ohne Tränen“,

jeweils: Acryl und Öl auf Obstkiste, 2016

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Bild des Monats Mai 2016:

Jürgen Raap, „Die tunesische Revolution“, 2016

 

Bär aktuell Nr. 200  – 22. Mai 2016

Bär polyglott – unterwegs mit Herrn Bär Muss man sich Sorgen um den Fortbestand der niederländischen Sprache machen? Als Herr Bär kürzlich in Amsterdam einen Fahrradladen betrat und sich nach dem Ausleihen eines Fahrrads erkundigte mit den Worten „Heft uw fietsen te huur?“, da antwortete der Mechaniker: „I don’t speak Dutch“. Beim Einkehren in eine Kneipe wollte Herr Bär einen Milchkaffee (niederländisch: Koffie verkeerd) und ein belgisches „Duvel“-Bier bestellen, erntete jedoch mit seinem Versuch „Alstublieft, een koffie verkeerd en een Duvel“ nur unverständliches Kopfschütteln bei der Kellnerin, und beim Präzisieren seiner Bestellung und mit Fingerzeig auf die Getränkekarte „Duvel, dit is een belgische Speciaal Bier, dit heft uw op de drankenkaart“ nur die Antwort, sie sei gebürtige Spanierin und verstünde nichts von belgischem Bier.. Als Herr Bär nach Rückgabe des Leihfahrrads ein Taxi bestieg und als Adresse „Naar de Javakade numero 1“ nannte, schaute der orientalisch wirkende Chauffeur ihn fragend an, schaffte es aber dann mittels Navi, nicht in der nächsten Gracht zu landen, was bei der Navigationstechnik in den engen Straßen Amsterdams ja schon mal passieren kann, so dass man immer tiefste Dankbarkeit empfindet, wenn ein Taxifahrer die Ortskundeprüfung mit Bravour bestanden hat. In Arnhem erkundigte sich Herr Bär bei der Besichtigung von St. Eusebius beim Kirchendiener nach einer Toilette, woraufhin dieser erfreut ausrief: „Ah, uw spreekt nederlands!“ Als Herr Bär ihm offenbarte, er sei aus Köln, erwiderte der Kirchendiener in lupenreinem Hochdeutsch: „Sie sind tatsächlich der erste Kölner, der hier versucht, Niederländisch zu sprechen. Die Kölner bilden sich ja ein, Kölsch sei eine Weltsprache und sie sprechen deswegen hier in Arnhem immer nur Kölsch, weil sie glauben, jeder Holländer verstünde das. Das stimmt aber nicht! Ich zum Beispiel verstehe überhaupt kein Kölsch“. Und dann erzählte er, er sei schon mal in Köln gewesen, und Köln habe ihm viel besser gefallen als Dortmund, und Herr Bär trat frohgemut die Rückreise an im Wissen, dass bei den Holländern in einem kritischen Köln-Dortmund-Vergleich die Stadt Köln in jeder Hinsicht besser abschneidet, wiewohl die Kölner selbst sich eher nicht mit Dortmund, sondern mit New York auf Augenhöhe sehen.

Allerdings muss man es sich als Kölner auch schon mal gefallen lassen, dass die Domstadt mit Hannover verglichen wird wie unlängst im „Spiegel“, als es dort hieß, Hannover gelte zwar als langweilig, sei jedoch „nicht so eingebildet“ wie München und „nicht so korrupt wie Köln“. Und was ist mit einem Vergleich Hannover-Dortmund?

Ebenfalls völlig in die Hose ging der reichlich vermessene Vergleich, zu dem sich der penetrant schnöselige Jan Böhmermann bemüßigt fühlte – Angela Merkel hätte aus ihm einen „deutschen Ai Weiwei“ gemacht, fabulierte er in einem Interview. Hä? Der chinesische Künstler Ai Weiwei ist immerhin ein Dissident, der in seinem Heimatland im Gefängnis saß und von den dortigen Behörden auch sonst ziemlich drangsaliert wurde, während Jan Böhmermann als Kind wahrscheinlich noch nicht mal den Hintern versohlt bekam und sich deswegen glücklich schätzen kann, so dass dieser Vergleich völlig überzogen und unangemessen ist. Zumal Böhmermann als Satiriker aller Voraussicht nach niemals die Brisanz und Brillanz eines Kurt Tucholsky oder Erich Kästner erreichen wird.

Darf man Witze über die mopsige Figur von Sigmar Gabriel machen? Aber ja, findet der Kabarettist Gerhard Polt, denn schließlich schaue Sigmar Gabriel ja jeden Morgen in den Spiegel und wüsste, wie er aussähe.Wobei noch nachzutragen wäre, dass in den Wirtschaftssseiten der Tagespresse für wirtschaftspolitische Fehlleistungen mit leicht ironischem Unterton gerne der Begriff „Gabrielismus“ verwendet wird. Seit der Veröffentlichung der Freihandels-TTPI-Papiere durch Greenpeace wissen wir ja, wie tölpelhaft sich Sigmar Gabriel und seine EU-Kollegen von den US-Unterhändlern über den Tisch ziehen lassen.

© Raap/Bär 2016

 

Essen und Trinken mit Herrn Bär

Passepierres oder Salicorns (lat. Salicornia) wachsen an Meeresküsten der nördlichen Halbkugel im Einzugsbereich von Wattenmeeren, vor allem an den Salzwiesen am Meeresufer. Es sind botanisch keine Algen, sondern Queller. Man isst sie als Rohkostsalat mit etwas Zitrone und Pfeffer abgeschmeckt, oder leicht blanchiert, d.h. nur kurz abgebrüht und mit Zitronensaft verfeienert. Da sie von Natur aus salzig sind, muss man den Salat nicht eigens salzen. Passepierres eignen sich gut Vorspeise mit Krabben, Crevetten oder Krebsfleisch, oder als Salatbeilage zu Fischgerichten.

Wachteln „Eigelsteintor“

Pro Person 1-2 ganze Wachteln, salzen und pfeffern, mit gehackter schwarzere Trüffel, frischen oder eingelegten Steinpilzen füllen, Rosmarin, Zitronenthymian, Bärlauchcreme und Sonnenblumenkernen, grünen Pfefferkörnern 1-2 Knoblochzehen und Ziegenfrischkäse. In einer Kasserolle mit braunen Champignons, Knobloch und Lauchzwiebeln im Backofen 35-40 Min. garen, dazu Spargel in Ziegenfrischkäsesauce mit etwas Zitronenthymian.

 

bär aktuell 198/199 und bild des monats

April 4th, 2016

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Bild des Monats April 2016

Jürgen Raap, „Es gibt keine Erbsünde“, 2016

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Jürgen Raap, „Rheinischer Frohsinn“, 2016

Öl/Acryl auf Obstkiste

 

Bär aktuell Nr. 198/199

Nichts ist in jüngerer Zeit gründlicher missverstanden worden als Joseph Beuys‘ Behauptung, dass jeder Mensch ein Künstler sei und ebenso Kurt Tucholskys Erklärung, Satire dürfe alles. Was letzteres angeht, so liest in einem Gastbeitrag für den Berliner „Tagesspiegel“ der Kabarettist Dieter Nuhr seinem Kollegen Jan Böhmermann gründlich die Leviten: „Natürlich (!) darf Satire nicht alles. Es gibt ja bei uns kein eigenes Gesetz für Satiriker. Was für Klempner verboten ist, gilt auch für Metzgereifachangestellte und Satiriker.“ Der Strafrechtsparagraph 103 ist wohl tatsächlich „entbehrlich“ (Angela Merkel), aber so lange er (noch) existiert und die Beleidigung ausländischer Staatsoberhäupter verbietet, gilt er nach dem rechtsstaatlichen Prinzip „Gleiches Recht für alle“ eben ohne Ansehen der Person oder deren Amtsausübung. Hätte Jan Böhmernann z.B. den nordkoreanischen Diktator Kim Jong-il, das Staatsoberhaupt von Zimbabwe Robert Mugabe, oder jeden anderen, der gewiss kein „lupenreiner Demokrat“ ist, desgleichen mit unflätigen Attributen beschimpft und hätten die Betroffenen daraufhin einen Strafantrag gestellt, dann hätte die Bundesregierung bei der Prüfung eines solchen Antrags wohl die gleichen Maßstäbe anlegen müssen wie im Falle Erdogan. Dass der „Wüterich vom Bosporus“ (so der Kölner „Express“ über Erdogan) in seinem eigenen Land mit der Pressefreiheit bekanntlich nach Gutsherrenart umgeht, und gerade erst ohne Angaben von Gründen einem ARD-Korrespondenten die Einreise in die Türkei verweigert wurde, ändert an der Sachlage nichts. Denn, so der Humorist Dieter Nuhr: „… Rechtsstaatlichkeit gilt in einem Rechtsstaat auch für Leute, die die Rechtsstaatlichkeit selber gering schätzen“. Wo denn aber nun die Grenzen der Kunstfreiheit und der Meinungsfreiheit liegen, wenn andere glauben, ihre Rechte seien beschädigt worden, ist im Zweifelsfalle immer eine äusserst schwierige juristische Angelegenheit der Rechtsgüterabwägung. So bekam soeben der frühere Präsident des Fußballbundes DFB Theo Zwanziger von einem deutschen Gericht bescheinigt, er dürfe den Wüstenstaat Katar als „Krebsgeschwür des Weltfußballs“ bezeichnen, das sei durch die Meinungsfreiheit gedeckt. Auch der Künstlerdarsteller Jonathan Meese darf bei seinen Auftritten ungestraft den Hitlergruß darbieten, da er vor Gericht sinngemäß glaubhaft machen konnte, er sei kein Nazi, und wenn er als Performer Jonathan Meese aufträte, habe das nichts mit der Privatperson Jonathan Messe zu tun, er spiele als Künstler nur eine Rolle. Da hat sich bei seiner Verteidigung der Jonathan Meese-Darsteller Jonathan Meese einer ähnlichen Rabulistik bedient wie der Satiriker Jan Böhmermann, der ausloten wollte, wie weit die Freiheit geht, „offen zu sagen, dass es verboten ist, zu sagen, dass einer ein Ziegenficker ist“ (Dieter Nuhr). Dennoch kann man die Schwafeligkeit einer Jonathan Meese-Performance künstlerisch unsäglich finden, wenn dieser einer „Diktatur der Kunst“ das Wort redet, und ebenso gewiss ist seine frivole Herumspielerei mit dem einstigen deutschen Gruß des Freispruchs zum Trotz weiterhin politisch als unerhört einzustufen, auch wenn sie nicht justiziabel ist. Wäre die Freiheit der Kunst wirklich in Gefahr gewesen, wenn hinsichtlich des Meese-Hitlergrußes die Gerichte anders geurteilt hätten? Wird nicht auch im Falle Böhmermann mit Kanonen auf Spatzen geschossen? Die tatsächlichen Gefahren, dass es der amtierenden türkischen Regierung gelingt, unangemessenen Einfluss auf die innenpolitische Situation in Deutschland zu nehmen, liegen ganz woanders, jedenfalls nicht im aktuellen Streit, ob die Pressefreiheit auch die Verwendung von Verbalinjurien aus dem Fäkalbereich deckt.

Dass Friseure sich alberne Geschäftsnamen zulegen, zum Beispiel „Vier Haareszeiten“, was im wahrsten Sinne des Wortes haarsträubend klingt, wurde an diese Stelle schon des öfteren mit mokanten Kommentaren bedacht. Was aber soll man davon halten, wenn sich ein Friseur „Men’s World“ nennt, in der Unterzeile jedoch erwähnt, er sei gleichzeitig aber auch Damenfriseur? „Men’s World“ – da denkt man doch eher an trinkfeste hormongedopte Bodybuilding-Typen mit Waschbrettbauch, deren Stammesfrisur keiner Lockenwickler und keines „Drei-Wetter-Tafts“ bedarf. Ist die Unterzeile „Damen- und Herrenfriseur“ also der Frauenemanzipation geschuldet? Müsste es dann aber nicht politisch korrekt „Mens and Womens World“ (als Plural und nicht mit falschem Genetiv) heißen? Hoffentlich muss man dort nicht erleben, dass da einer frohen Mutes mit Peter Altmeier-Glatze hinein spaziert und eine halbe Stunde später mit Frauke Petry-Haarschnitt bedröppelt wieder herauskommt!

Reichlich durchgeknallt war ein Ratspolitiker aus dem Ruhrgebiet, der sich in Köln in einem Saunaclub vergnügte und sich anschließend weigerte, die Rechnung zu bezahlen und zu randalieren anfing. Als die herbeigerufene Polizei ihn festnahm, tönte er: „Lassen Sie mich frei, ich habe einen Termin bei Angela Merkel!“ Dass der anschließende Drogen-Test positiv verlief, wunderte indes niemanden.

Der politisch unkorrekte Gender-Mainstream-Witz:

Tünnes: Ming Schwester hätt et an dä Prostata.

Schäl: Ävver Tünnes, dat jeht doch nit!

Tünnes: Oh doch, dat jeht! Dat is doch nur en Halbschwester.

© Raap/Bär 2016

 

Essen und Trinken mit Herrn Bär

Three sisters soup ist eine Suppe der kanadischen Ureinwohner, vor allem der Irokesen, und sie besteht aus Mais, Kürbis und Bohnen. Man erhitzt Öl in einem Topf, dünstet Zwiebeln glasig, fügt 2-4 Knoblochzehen hinzu, grüne Paprikastreifen, Mais, Kürbisstücke, weiße oder braune Bohnen, 2-3 Tomaten, lässt das Ganze dann in Gemüsebrühe köcheln. Würzen mit Salz, schwarzem Pfeffer, Chili oder Cayennepfeffer, Kümmel, Oregano und Petersilie.

Salsiccia ist eine grob gewolfte italienische Bratwurst, deren Rezeptur von Region zu Region variiert, meistens enthält sie jedoch Fenchel und Knobloch, manchmal auch Nelken. Klein geschnitten verwendet man sie oft zur Verfeinerung von Risotto-Gerichten.Man kann sie natürlich auch ganz grillen oder braten und z.B. mit grünen Bohnen in Tomatensauce gekocht servieren.

Rebhuhn mit Feigen „Worringer Bruch“

Rebhuhn salzen und pfeffern, mit 3-4 Pimentkörnern, roten Pfefferkörnern, ½ Stck. Sternanis, 3-4 dünnen frischen Ingwerscheiben, 1 Knoblochzehe, frischer Gartenkresse, 3-4 schwarze Oliven Erdnüssen, anderen Nüssen nach Wahl und 1 frische Feigen füllen und im Backofen 40 Min. bei 180 Grad backen. Dazu 1 Möhre, Spargelstangen und Zuckerschoten mit weiteren frischen Feigen in Gemüsebrühe dünsten.

Copyright: Raap/Bär 2016 – Alle Rechte vorbehalten

 

 

bär aktuell 196/197 und Bild des Monats

März 1st, 2016

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Herr Bär in Zons am Rhein, Foto: Copyright J. Raap

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Bild des Monats März 2016:

Jürgen Raap, „Der verwegene Träumer“, 2016

 

Bär aktuell Nr. 197  – 22. März 2016

Je suis Bruxelles – Ik ben Brussels Eine U-Bahnlinie gab es noch nicht, als ich in den 1980er Jahren häufig aus privaten Gründen mit dem Auto nach Bruxelles fuhr – die Autobahn aus Richtung Aachen geht in eine Ausfallstraße über, die am Place Rond Point Schuman endet, ein großzügig angelegter Kreisverkehr am Gebäude der EU-Kommission. Man muss sich in dem hektischen Verkehr geschickt auf die linke Abbiegespur zur Rue de la Loi einfädeln, an der 200 oder 300 m weiter heute die U-Bahnstation Maelbeek liegt, an der am 22. März 2016 Terroristen ein Bombenattentat verübten – am frühen Morgen gegen 8 Uhr fast zeitgleich zu dem anderen Anschlag auf dem Flughafen Zaventem. Mehr als 30 Menschen kamen dabei ums Leben, die meisten an jener Station Maelbeek, die in einem Viertel mit lauter Bürohäusern liegt, so dass dort am frühen Morgen vor Arbeitsbeginn immer eine hohe Frequenz an Fahrgästen und Passanten herrscht – ein Indiz dafür, dass die Terroristen nicht nur die Orte, sondern auch den Zeitpunkt ihres Anschlags so perfide gewählt haben, um eine möglichst hohe Zahl an Opfern zu erreichen.

Biegt man kurz hinter der Station Maelbeek in die Rue d’Arlon ab und überquert man die Rue Belliard, an der das Goethe-Institut liegt, steuert man auf den Gare du Luxembourg zu, im Volksmund Gare Léopold genannt. Hier hat der spätere Surrealist Paul Delvaux in den frühen 1920er Jahren in expressionistischer Manier die Gleisstränge hinter dem Bahnhof gemalt, den Rangierbetrieb mit Dampflokomotiven in kaltem Nebel und mit Güterwaggons auf den Abstellgleisen.

Am Bahnhofsvorplatz gab es in den 1980er Jahren noch viele billige Hotels und Kneipen – hier habe ich mir in einer dieser typischen Brüsseler Bierschwemmen 1986 das Endspiel um die Fußballweltmeisterschaft zwischen Deutschland und Argentinien angeschaut. Ich war der einzige deutsche Gast in dieser Brasserie während der TV-Übertragung, und der deutsche Torwart Toni Schumacher wurde von den belgischen Gästen bei jedem Ballkontakt heftig ausgebuht. Heute verbringen in diesen Lokalen am Bahnhofsvorplatz EU-Beamte in schwarzen Anzügen und ihre Sekretärinnen die Mittagspause. Es sind inzwischen schicke Bistros, mit entsprechend hohen Preisen für einen Vorspeisenteller Tomaten met grijse garnaalen/Tomates aux crevettes grises oder einen „Toast Cannibale“ mit Rinder-Tatar, dem man ein wenig Mayonnaise untermischt.

Von dem Bahnhofsgebäude ist nur noch die historische Fassade stehen geblieben; denn der Gleisstrang dahinter, den Paul Delvaux vor 95 Jahren gemalt hat, wurde unterirdisch verlegt und mit einem protzigen Klotz für das Europaparlament überbaut. Vor 30 Jahren führte mein Weg am Bahnhof vorbei regelmäßig weiter in den Stadtteil Ixelles über das holprige Straßenpflaster der Rue d’Idalie, vorbei an wackligen Abbruchhäusern bis zur Rue du Trone. Ich gelangte in ein Viertel mit düsteren, staubig-grauen Häusern aus der Gründerzeit, die jene bürgerliche Behäbigkeit ausstrahlten, die man aus den Bildern von Paul Delvaux und René Magritte herauslesen kann – hier wirkte vor 30 Jahren Bruxelles noch ein bisschen wie eine launische alte Dame mit schwarzer Spitzen-Stola an einem verregneten Sonntag. Inzwischen ist diese Gegend von den stadtplanerischen Ausfransungen des Quartier Européene vereinnahmt worden, dass sich mit der unverfrorenen Gefräßigkeit seiner Bürokraten in die Altbauviertel ausgedehnt und diese dabei baulich so brutal verändert und sozial so gründlich gentrifiziert hat, wie man es aus deutschen Großstädten in diesem Ausmaß bisher nicht kennt.

Ich erinnere mich, dass damals, irgendwann Ende der 1980er Jahre, nach einem Anschlag auf ein israelisches Reisebüro die Polizei im Vorort Ixelles ganze Straßenzüge mit quer gestellten Mannschaftswagen abriegelte und dann mit Maschinenpistolen bewaffnet Razzien in den Araberkneipen durchführte. Jeder, der irgendwie verdächtig wirkte, wurde mit hartem Griff von der Theke weggezerrt und ohne viel Federlesens in diese Mannschaftswagen verfrachtet. Damals waren solche martialischen Razzien aber noch ziemlich selten, und Ixelles mit seinem bunten Nebeneinander von Belgiern, Marokkanern und Schwarzafrikanern wirkte wie ein Modellversuch für die Utopien einer multikulturellen Gesellschaft – der afrikanische Supermarkt auf der Rue Goffart hatte Scheiben vom Elefantenrüssel und Antilopenfleisch in der Tiefkühltruhe, und der Ladeninhaber riet mir, das Fleisch vier Stunden lang zu kochen, aber es war dann immer noch zäh.

1945, am Ende des Zweiten Weltkriegs, war Belgien in der Wirtschaftsstatistik das reichste Land Europas, wegen seiner Schwerindustrie und wegen seiner Rohstoffe aus der Kongo-Kolonie. Inzwischen ist aber auch in Belgien das Industriezeitalter vorbei, mit all seinen ökonomischen und kulturellen Umwälzungen. Der Stadtteil Molenbeek ist von der Brüsseler Innenstadt durch den Canal Bruxelles-Charleroi getrennt. Das Viertel hat sich seit dem 19. Jahrhundert als Arbeiterviertel entwickelt und heute den Ruf, eine Islamisten-Hochburg zu sein. Die Gebäude ehemaliger Fabriken säumen den Quai auf der Molenbeek-Seite. Dass hier längst keine Industrieproduktion mehr stattfindet, mag eine der Ursachen für die hohe Arbeitslosigkeit im Stadtteil sein. Ähnlich wie die Banlieus von Paris, so ist auch hier die Perspektivlosigkeit der sozial Deprivierten ein Nährboden für eine Radikalisierung, wie auch die anderen Modernisierungsverlierer auf die Parolen rechter Demagogen hereinfallen. Was sich in diesen sozialen Brennpunkten mit ihren Tendenzen zur Entwicklung von Parallelgesellschaften abspielt, beschrieb der Züricher „Tagesanzeiger“ nach den Attentaten vom 22. März 2016 mit den Worten: „Es ist ein Rendezvous mit der Globalisierung, mit der Realität der Kriege und Konflikte rund um Europa. Ein Europa, das zerfällt und sich fragmentiert wäre noch blinder und ungeschützter gegenüber dieser Bedrohung.“ Die Utopien von der heiteren Multi-Kulturalität sind in den sozialen Verteilungskämpfen untergegangen.

Man kann auf der Brüsseler Seite des Kanals mit der Straßenbahn am Quai entlang fahren, wenn man denselben Weg nehmen will, den seinerzeit René Magritte von seiner Wohnung im Stadtteil Jette jeden Samstag mit der Tram Nr. 81 fuhr, um im Café Greenwich in der Rue de Chartreux Nr. 7 Schach zu spielen. Magritte wohnte mit seiner Frau in den 1930er Jahren in der Rue d’Esseghem, wo man die frühere Wohnung als kleines Museum rekonstruiert und zur Besichtigung frei gegeben hat, und wenn man dort die reihenhausgesäumten Straßen durchstreift, in der Magritte seinerzeit seinen Hund spazieren führte, hat man das Gefühl, an der Atmosphäre einer ruhigen, kleinbürgerlichen und etwas langweiligen Vorstadtidylle habe sich in all den Jahrzehnten wenig geändert. Eine Zeitenwende scheint hier jedenfalls noch nicht stattgefunden zu haben.

Das Café Greenwich ist nicht weit von dem imposanten Gebäude der Börse entfernt. Die Straßenbahn fährt heute aber nicht mehr exakt dieselbe Strecke wie zu Magrittes Zeiten vom Friedhof Cimetière de Jette in die Brüsseler Innenstadt. Man muss jetzt nämlich am Gare du Midi in die Linie 51 einsteigen, die von der Endstation „van Haelen“ nach „Heysel“ fährt, um zu Magrittes damaliger Wohnadresse zu gelangen.

Zu seinen Besuchen im Café Greenwich hatte René Magritte oft ein Bild mitgebracht, das er gerade fertig gemalt hatte, um es seinen Freunden dort zu zeigen. Die Runde am Cafétisch hatte sich jedes Mal für dieses neue Bild einen Titel ausgedacht, und Magritte hatte dann die Einfälle auf der Rückseite mit Kreide notiert, um sich später für einen dieser Titelvorschläge zu entscheiden.

Ein anderes Stammcafé von René Magritte, in dem er auch seine allererste Ausstellung hatte, ist das „La Fleur en Papier Doré“ in der Rue des Alexiens 53. Dieses Café existiert heute noch. Vom Grote Markt mit dem berühmten Brüsseler Rathaus im Stil der Brabanter Gotik aus sind es nur wenige Minuten Fußweg bis zu diesem Lokal, das seinerzeit ein regelmäßiger Treffpunkt der belgischen Surrealisten und nach dem Zweiten Weltkrieg auch ein Stammlokal von Künstlern der „Cobra“-Gruppe war. Dicht gedrängt hängen überall kleine und mittelgroße Rahmen mit Briefen, Collagen, Gedichten, Ausstellungsankündigungen, Urkunden, Reproduktionen von Bildern und mit anderen Drucken, dazwischen Tafeln mit Sinnsprüchen. Über dem Durchgang zum Thekenraum hängt eine Tafel mit dem Text: „Jedermann hat das Recht, 24 Stunden am Tag frei zu sein“.

© J. Raap 2016

Bär aktuell Nr. 196 –  22. März 2016

Oettinger lebt noch. „Wenn die komische Petry meine Frau wäre, würde ich mich heute Nacht noch erschießen“, hatte der EU-Kommissar Günther Oettinger vollmundig angekündigt und damit eine eindeutige und nachvollziehbare Ablehnung der Flintenweiber in der AfD erkennen lassen. Dazu muss man als Hintergrundinformation aber auch wissen, wie „Focus“ berichtete: Unlängst wurde Oettingers Porträt in die Galerie der Ministerpräsidenten des Landes Baden-Württemberg aufgenommen. „Links oben auf dem Bild der Künstlerin Anke Doberauer befindet sich ausgerechnet ein gemaltes Einschussloch. Oettinger deutet es als ‚Zeichen der Verletzlichkeit‘. Er nennt das Gemälde ‚Tatort Baden-Württemberg’“.

Bär polyglott – unterwegs mit Herrn Bär Dormagen liegt im römisch besiedelten, mithin im zivilisierten Teil des Rheinlands; doch an der S-Bahn-Station informiert ein Schild darüber, dass die öffentliche Toilette „wegen Vandalismusschäden geschlossen“ sei, und weitere Schilder im Straßenraum verkünden unter dem Slogan „Sauberhaftes Dormagen“, sollte es jemand wagen, auf der Straße seine Notdurft zu verrichten, werde dies bei Hund oder Herrchen mit einer Geldbuße von 25 Euro geahndet. Das Aufregendste an Dormagen ist ansonsten ein Straßenschild mit der Beschriftung „Haberlandstraße“, das daran erinnert, dass es drüben auf der anderen Rheinseite im germanischen Barbarenland, nämlich in der sibirischen Grenzstadt Leverkusen, mal ein Ulrich-Haberland-Stadion gab, dessen Nachfolgerbau aber heute nur noch den schnöden und orthografisch fragwürdigen Namen „BayArena“ trägt. Ulrich Haberland, der einstige Vorstand der Bayer AG, wurde Jahre nach seinem Ableben als Namenspatron nämlich herabgestuft, denn nach ihm ist in Leverkusen heute nur noch die Spielstätte der Jugendmannschaft benannt und in Dormagen auf der anderen Rheinseite immerhin noch eine ganze Straße im Bahnhofsviertel. Während die Stadt Leverkusen baulich auch sonst eher an die triste nordkoreanische Metropole Pjöngjang gemahnt, hält Dormagens Vorort Zons am Rhein erfolgreich mit seiner anheimelnden mittelalterlichen Stadtmauer und mit einer putzigen romantischen holländischen Windmühle dagegen, wobei bekanntlich woanders reichlich gestaltungsarme moderne Windkraftanlagen nach dem gleichen physikalischen Prinzip zu einer unsäglichen ästhetischen Verspargelung und damit uniformistischen Nordkoreanisierung der Landschaft führen. Der „Gasthof Stadt Zons“ bietet eine „Currywurst aus Wildschwein“ an, hatte aber am Schalttag des 29. Februar 2016 geschlossen, genauso wie schon erwähnt die Bahnhofstoilette an der S-Bahn-Station Dormagen, was Herrn Bär abends hungrig nach Köln zurück kehren und ihn an der sittengeschichtlichen Nachhaltigkeit der römischen Latrinenkultur im lateinisch geprägten Teil des Abendlandes zweifeln ließ. Dass eben dort in Köln die einstige Hauptkampfbahn des ehrwürdigen Müngersdorfer Stadions ebenso schnöde und jegliche sporthistorische Tradition missachtend nach einem Stromkonzern umbenannt wurde, möge in Leverkusen den Nachfahren Ulrichs Haberlands zum Trost gereichen. Wenn man nicht gerade aussieht wie ein Vandale, der den Verdacht erweckt, das Klo noch mehr zu verwüsten, kann man dem Kioskbesitzer am Bahnhof auch 50 Cent in die Hand drücken, und er schließt dann als protagonistische Speerspitze der Kampagne „Sauberhaftes Dormagen“ gnädig die ansonsten verschlossene Toilettentür auf, damit man sich nicht für 25 Euro Geldstrafe auf dem Bürgersteig erleichtern muss. Lohnt sich also eine Bildungsreise nach Dormagen und Zons? Aber immer.
© Raap/Bär 2016

Essen und Trinken mit Karl-Josef Bär

Schottische Tomatensuppe traditionell (Britische Fastensuppe)
Das Sparrezept: einfach heißes Wasser in rote Teller schütten.

Dashi-Brühe à la Karl-Josef Bär
Dashi-Brühe ist die Basis vieler japanischer Suppen, Eintöpfe, Reisgerichte und Saucen. Man erhält sie in Asia-Läden auch in Pulverform. Kocht man sie selber, nehme man 10 Gramm Kombu-Seetang-Streifen, die man einweicht und dann in einem Dreiviertel Liter Wasser aufkocht. Dann nimmt man die zerkochten Algenstücke heraus, gibt 10 gr. Bonito-Fischflocken hinzu. Für eine Suppe reichert man diese Brühe mit Shitakepilzen, ein paar Möhrenstreifen, ein paar Wakame- oder Hijiki-Algen und 2-3 frischen entgräteten und klein gehackten Sardinen an, die man durchziehen lässt, bis sie gar sind, bevor man dann mit ein paar Spritzern Sojasauce oder Fischsauce die Suppe abschmeckt.

Kürbissuppe Subbelrath
Kürbisse gelangten im 16. Jh. durch portugiesische Seefahrer von Japan nach Europa. Der lateinische Name des Hokkaido-Kürbis lautet Cucurbita maxima. In Europa liegt die Erntezeit zwischen September und Dezember. Rezept: Kürbis entkernen und in kleine Würfel schneiden, in einen Topf mit heißem Öl oder Butter geben, dazu eine gewürfelte Zwiebel, 1 Vanilleschote und 1 Knoblochzehe. Dann 1 Möhre dazu raspeln und mit Gemüsefonds auffüllen. ca. 30-40 Min. köcheln lassen. Mit Salz, Pfeffer, gelbem oder grünem Curry, Ingwer, Muskat, Kreuzkümmel oder Schwarzkümmel würzen, zum Schluss mit Sahne abbinden. Kreuzkümmel war schon vor 4.000 Jahren im alten Syrien als Würzmittel bekannt; den intensiven Geschmack ruft das ätherische Öl Cuminaldehyd hervor. Im Römischen Reich und im europäischen Mittelalter schätzte man den Kreuzkümmel auch als Heilpflanze; ihm wird eine pharmakologisch positive Wirkung gegen Blähungen und Darmkrämpfe zugeschrieben; in der modernen Schulmedizin ist dies jedoch nicht bestätigt. Schwarzkümmel war in der westlichen Welt jahrhundertelang weniger bekannt; ihm wird eine antibakterielle Wirkung und schützende Eigenschaften für Leber und Nieren nachgesagt. In der deutschen Küche ist indessen traditionellerweise der heimische Wiesenkümmel vorherrschend; wegen seiner verdauungsfördenrden Wirkung setzt man ihn gerne fetten Speisen, Kohl und Hülsenfrüchten zu.

Stubenküken „Müngersdorf“
Stubenküken salzen und pfeffern, innen mit Knoblochpaste und etwas Geflügelpaste bestreichen, mit 3-4 Pimentkörnern, frischen Feigen, Schalotte und eingeweichtem Morchelbruch füllen, dazu frischer Kerbel. Im Backofen von beiden Seiten 30-40 Min. garen. Dazu Spargel und Möhren in Roquefortsauce.

bär aktuell 195 und bild des monats

Februar 11th, 2016
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Künstler-Fußgruppe des „a performancelife e.V.“ beim Ehrenfelder Dienstagszug, Köln-Ehrenfeld, 9. Feb. 2016

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Bild des Monats Februar 2016:

Jürgen Raap, „Das Kloster der macchabäischen Brüder“, Schild für Karnevalsumzug, 2016

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Jürgen Raap, „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“, 2016

Bär aktuell No. 195 – 22. Feb. 2016:

Wie rasch sich der Zeitgeschmack wandelt und sich ideologische Verbohrtheiten ins Gegenteil kehren, illustrierte recht anschaulich der Kabarettist Dieter Nuhr mit dem schönen Satz: „Als ich mich vor Wochen über das archaische Frauenbild mancher arabischer Männer aufregte, galt ich als Nazi. Wenn ich dies jetzt nach der Kölner Silvesternacht tue, hält man mich für einen Feministen“. Zur Phänomenologie der aktuellen Streitkultur in Deutschland widmete seriöse „Die ZEIT“ einen Artikel dem „Gesinnungsterror“ der Hypermoralisten, und was darunter konkret zu verstehen ist, erklärte das Magazin „Cicero“: „Ethischen Normen nicht die allerhöchste und alleinige Priorität einzuräumen, gilt in diesen Kreisen als moralischer Hochverrat“. Wobei wir es auf der sprachlichen Ebene häufig mit unangemessenen verzerrenden hermeneutischen Verkürzungen zu tun haben, die nur zu einer bedenklichen Vergiftung der öffentlichen Debatte führen.
Und da die Medien laut „Cicero“ sich „naturgemäß für das Abartige, Bizarre und Absonderliche“ interessieren, was auch für „bär aktuell“ gelten mag, sei hier an die Einrichtung einer „Wolfberatungsstelle“ durch das Bundesministerium für Umwelt erinnert. Bisher konnte man sich bekanntlich an niemanden wenden, wenn man im Wald einen Wolf im Schafspelz glaubte gesehen zu haben. Diesem Missstand wurde jüngst konsequent Abhilfe geschaffen, denn künftig sorgt die neue „Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf“, wie sie in korrektem Amtsdeutsch heißt, für ein „Wolfsmanagement“, denn: „Der Wolf muss sich nicht nur in der Natur wieder etablieren können, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Menschen in Deutschland“, so fordert man in den Lobbykreisen dieser Institution lauthals. – Bizarres und Absonderliches findet man bisweilen auch auf der Internetseite der „tageszeitung“ in den Kommentarleisten. Mal hofft dort einer in seiner Leserzuschrift, „dass die USA über die Denkweise und Machtgelüste der CSU mittels Geheimdienst Bescheid wissen und hoffentlich gegebenenfalls einschreiten“, mal behauptet ein anderer Leser, Bielefeld gäbe es überhaupt nicht: „Auf der Karte existiert Bielefeld tatsächlich nicht, egal wie man zoomt. Zwischen Herford und Halle/Westf. ist einfach nur ein großer Verkehrsknotenpunkt.“
Dass das Berliner Studentenwerk sich jetzt in „Studierendenwerk“ umbenennen will, monierte der Rechnungshof, denn der Austausch von Schildern und der Neudruck von Briefbögen würde satte 800.000 Euro kosten – in den Augen der Rechnungsprüfer reine und unnötige Geldverplemperung. Die Befürworter der Umbenennung konterten indes, sie wollten den Austausch der Schilder bis ins Jahr 2022 strecken, denn dann koste die Umbenennung „fast nichts“, so ihre in der Tat reichlich absonderlich anmutende Milchmädchenrechnung. Kriegt man die Schilder in sieben Jahren etwa umsonst, oder was?
© Raap/Bär 2016

Essen und Trinken mit Herrn Bär
Cassoulet
Der Bohneneintopf Cassoulet stammt aus der Gegend von Toulouse, Carcassone und dem Languedoc in Südfrankreich. Der Name leitet sich von der „Cassole“ ab, einer Koch-Backform aus Ton. Man dünstet in einem großen Topf in Gänse- oder Entenschmalz Speck und Zwiebeln an, fügt Möhren hinzu, gießt das Ganze dann mit einem Liter Wasser auf, fügt klein gewürfelte Tomaten und 1-2 Lorbeerblätter hinzu, Knobloch, dann weiße Bohnen, Salz, Pfeffer, Thymian und Majoran. In einer Pfanne brät man separat Saucisse de Toulouse an, oder eine italienische Salcicia-Fenchel-Bratwurst, oder schlesische/polnische Krakauer, Gänsekeule oder Gänseklein, oder auch Entenkeule bzw. Entenflügel, am besten aber Confit de Canard (das sind Entenstücke, die vorher in eigenem Fett gegart und dadurch haltbar gemacht wurden). Man nimmt dann in einen Römertopf oder eine Casserole, deren Boden man vorher mit Speckscheiben bedeckt hat, schichtet die Fleischstücke darauf auf und bedeckt sie mit den Boden, dann gießt man Hühnerbrühe und einen Schuss trockenen Rotwein hinzu und lässt das Ganze im Backofen bei 180 Grad eine Stunde garen, fügt bei Bedarf zwischendurch noch etwas mehr Hühnerbrühe hinzu: ein deftiges, mächtiges Winteressen.

 

bär aktuell 194 und Bild des Monats

Januar 2nd, 2016

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Bild des Monats Januar 2016:

Jürgen Raap „Das Haus der guten Lichter“, 2016

Bär aktuell – 22. Januar 2016

Sehr schön war die Schlagzeile „Exhibitionist klaut Hose“. Die Boulevardpresse berichtete, in diesen Winterwochen sei es einem Exhibitionisten zu kalt geworden, weshalb er sich eine lange Unterhose von einer Wäscheleine aneignete, die im Hof zum Trocknen hing. Im Park präsentierte er sich dann mit geöffnetem Mantel, herunter gelassener Hose, aber in wärmender Unterhose.
Soll man sich nun den Winterpflug „Eisbär“ oder lieber die Spargelpflanzmaschine „Nashorn“ zulegen? Nun, das kommt auf die Jahreszeit an. Wer nicht ganz so viel Geld ausgeben möchte, begnügt sich vielleicht mit dem Tiefenspaten „Maulwurf“. Der Marketing-Depp, der das Sortiment der Maschinenbaufirma Hermeler nach zoologischen Kriterien benannt hat, verfügt in seinem Bücherregal wohl nur über „Brehms Tierleben“. Wie sollte auch sonst einer auf die Idee kommen, eine Spargeldammfräse „Leofant“ und eine Mehrzweckhacke „Iltis“ zu nennen? Einzig und allen der Grabenpflug bleibt seltsamerweise namenlos. Ist dem Marketingleiter dazu nichts eingefallen? Oder ist das nur ein geschickter Reklametrick, um den Werbezettel mit der Aufforderung enden zu lassen: „Ich benötige weitere Informationen. Bitte kontaktieren Sie mich“. Lieber nicht, findet Herr Bär.
Die „Schwusos“ (=Arbeitsgemeinschaft Lesben und Schwule in der SPD) wollen sich jetzt in „QueerSozis“ umbennen, „da dieser Name die Vielfalt unserer Arbeitsgemeinschaft und der von ihr vertretenen Gruppen besser repräsentiert“, und dazu gehören auch jene, die man politisch korrekt mit dem Begriff „Transgender“ bezeichnet, wie es in einem Antrag des Berliner Kreisverbandes heißt. War es bisher in den Integrationskursen für notorisch homophobe zugereiste Zeitgenossen kein Problem, ihnen den Unterschied zwischen Jusos und Schwusos zu erklären, so ist die pädagogisch-aufklärerische Vermittlung des Begriffs „QueerSozi“ in solchen Integrations-Volkshochschulkursen doch wohl eher heikel. Sollte man dort als Integrationspädagoge vielleicht den Witz zitieren, mit dem der Büttenredner Heinz Baumeister in seiner Paraderolle als „Putzfrau us Ründeroth“ auf schwul-lesbischen Karnevalssitzungen die Pause anzukündigen pflegt? „Die Herren gehen jetzt aufs Herrenklo, die Damen gehen aufs Damenklo, und wer sich nicht entscheiden kann, dä jeht nach draußen an et Mäuerchen“. Wohl eher nicht. Schließlich geht es in diesen Integrationskursen ja auch um die Umerziehung chauvinistischer Gesellen zu mitteleuropäischen Sitzpinklern, während das erwähnte „Mäuerchen“ wohl doch eher zum breitbeinig-machohaften Wildpinkeln animiert. Auch wenn man den zu Integrierenden ihr archaisches Verständnis von der Rolle der Frau austreiben will, ist es nicht unbedingt sinnvoll, mit ihnen dann im rheinischen Karneval ausgerechnet Herrensitzungen zu besuchen, die so heißen, weil in ihrem Programm die Tradition des gutbürgerlichen Herrenwitzes hochgehalten wird. Gilt es dann, im Aufbau-Seminar „Integration für Fortgeschrittene“ die Kursteilnehmer zu Veganern umzuerziehen, müssen die Kursleiter (oder Kursleiterinnen) ihnen mit griffigen Worten die Abkürzung V.A.G.I.N.A. erklären. So nennt sich nämlich allen Ernstes in Leipzig eine Gruppe von Feministinnen, nämlich die Initiative „Vegane Amazonen gegen intolerante nationalistische Arschlöcher“, was für diejenigen, die in Sachen Anatomie etwas unkundig sind, verwirrend klingen mag, bis man ihnen beibringt, welche Körperöffnung im Unterleib vorne und welche hinten angesiedelt ist. Ebenso schwierig ist es auch, den Kursteilnehmern klar zu machen, dass jemand, der auf einer Veganer-Veranstaltung unbedingt eine Bratwurst essen will, sich damit nach draußen zu den Rauchern stellen muss, d.h. „an et Mäuerchen“. Herr Bär ahnt, dass Integrationspädagogik kein einfaches Unterfangen ist.
© Raap/Bär 2016

Essen und Trinken mit Karl-Josef Bär

Sauce Robert ist eine Sauce nach Art des Leibkochs von König Franz I. von Frankreich (16. Jh.). Über den Maler Max Ernst wird die Anekdote berichtet, als er 1950 eine Schiffsreise von New Orleans nach Europa unternahm, bestellte er sich im Schiffs-Restaurant ein Steak mit Sauce Robert. Es war heiß und schwül an jenem Tag, der Kellner schwitzte beim Servieren und die Schweiß drohte, von seiner Stirn auf den Teller zu tropfen. Max Ernst fragte ihn, ob er zufällig „Robert“ hieße, und der Kellner antwortete verblüfft: „Woher wissen Sie das?“
Für das Rezept benötigt man 3 Zwiebeln,100g Butter, ½l Fleischbrühe oder Bratenfond, Pfeffer, Salz, etwas Weinessig, mittelscharfen Senf, 1 Teelöffel gehackten frischen Estragon. Die Zwiebeln in Butter glasig dünsten, Brühe hinzugeben und bis zur Hälfte der Menge einkochen lassen. Dann Salz, Pfeffer, Essig, Zucker, Estragon sowie Senf zugeben und bei milder Hitze mit einem Schneebesen gut verschlagen und in einer vorgewärmten Sauciere reichen.

Hirschbraten „Rudolph“
Fleisch von älteren Tieren muss man erst in eine Beize einlegen, damit es zart wird. Von Jungtieren kann man die Bratenstücke sofort in heißem Gänseschmalz oder in ausgelassenem Speck in der Pfanne anbraten, bis sich die Poren schließen, dann brät man auch noch kurz Zwiebeln oder Schalotten, Poreescheiben und Stücke vom Sellerie kurz an und gibt das Ganze dann in eine Kasserole. Das Fleisch salzen und pfeffern und mit (fertigem) Wildgewürz einreiben oder Wacholderbeeren, Pimentkörner, 1 Nelke, 1 Stück Möhre 1 Lorbeerblatt, 12 Knoblochzehen, Maronen, Walnüsse, grüne und rote Pfefferkörner und ein paar Chicoreeblätter hinzu geben, mit etwas Bratenfonds (Wildfonds) auffüllen und im Backofen bei mittlerer Hitze je nach Dicke des Fleischstücks 100-120 Min. garen. Vor dem Servieren den Bratenfonds abgießen, kurz aufkochen, mit Rotwein, Sahne oder Petrella-Käse abbinden, nach Belieben nachwürzen. Dazu passt Rotkohl oder Sauerkraut, das man zusammen mit vorgekochten Kartoffeln, Schalotten, Sellerie, Tomaten und rotem Paprika gedünstet hat.

bär aktuell 193 und Bild des Monats

Dezember 2nd, 2015

 

Bild des Monats Dezember 2015:

Jürgen Raap, „Unter Stuttgarter Rebellen“, 2015

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Bär aktuell Nr. 193 – 22. Dezember 2015:

Deppen-Ranking Die Liste der Fehlleistungen des Jahres führt diesmal der Fußballfunktionär Sepp Blatter an. Als der britische Komiker Simon Brodkin auf der Sitzung des Fußballverbandes FIFA Dollarscheine auf Blatter regnen ließ, raunzte dieser, das habe nichts mit Fußball zu tun. Nein, mit Fußball nicht, aber mit Korruption. Aber das hat Blatter bis heute nicht verstanden. Brodkin erzählte später, das seien echte Dollarscheine gewesen, aus seinem Privatvermögen, und die schweizerische Polizei hätte ihm hinterher die gesamten 600 Dollar zurück gegeben, was ihm die Gewissheit vermittelt habe, die FIFA mag vielleicht korrupt sein, aber keinesfalls die Schweizer Polizei.
Die Selbstüberschätzung mancher Krimineller, man werde schon nicht erwischt, mündet im Alltag oft genug in Dummheit und Unzulänglichkeit. Überschätzt hat man auch bei Volkswagen die eigene Ingenieurskunst bei der Konstruktion einer Schummelsoftware, so dass man schließlich doch erwischt wurde und angesichts des milliardenschweren (Image)schadens für den Spott nicht zu sorgen braucht (Platz 2) und nur knapp daran vorbeischrammte, dass „Lügeldiesel“ zum „Wort des Jahres“ gewählt wurde. Ebenfalls nicht gut durchdacht hatte auch der Rewe-Erpresser seine Untat, als er sich ausgerechnet von seiner Mutter im Auto zur Lösegeldübergabe chauffieren ließ und nach seiner Festnahme der Polizei kleinlaut erklärte, er hätte doch kein eigenes Auto und daher nicht gewusst, wie er sonst zum Übergabeort hätte hinkommen sollen (Platz 3). Der Berliner „Tagesspiegel“ hatte schon vor einem Jahr den Trend beobachtet: „Der Mangel an qualifiziertem Nachwuchs verschärft sich auch unter Ganoven.“
Laut einer Umfrage hält nur ein Drittel der SPD-Parteimitglieder Sigmar Gabriel für einen geeigneten Kanzlerkandidaten. Da man bei Wirtschaftsminister Gabriel befürchten muss, er ließe sich bei den Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen von den USA und bei der „Energiewende“ von den Stromkonzernen gehörig über den Tisch ziehen, gebührt ihm Platz 4, und Herr Bär teilt die Einschätzung der übrigen zwei Drittel der SPD-Mitglieder (politisch korrekt, aber grammatisch falsch: Mitglieder und Mitgliederinnen).
Platz 5 hingegen ist für Boris Becker reserviert, der in einer TV-Sendung erwähnte, wie er mal Sex im Flugzeug hatte. Ach, Bobele, das will aber nun wirklich keiner wissen. Und Platz 6 verdiente sich der betrunkene Fahrraddieb, der sich hinter einer Mülltonne versteckte und dann den Polizisten, die ihn dort entdeckten, entgegen lallte, er verstecke sich nicht, sondern er „chille nur ab“.
Auf Platz 7 treffen wir den NRW-Innenminister Ralf Jäger an, der ein Polizeiorchester unterhält, in welchem aber gar keine Polizisten mitspielen, sondern nur als Polizisten verkleidete Musiker. Während andere Landespolizeiorchester mit 13 Trötemännern auskommen, blasen bei Jäger allerdings gleich 45 Musiker ins Horn, was der Landesrechnungshof als Verschwendung von Steuergeldern monierte.
Platz 8 gebührt jenen zwei Volldeppen, die in Düsseldorf einen Touristen ausraubten, von sich dann am Tatort ein „Selfie“ machten und das Handy mit dem Foto am Tatort zurück ließen. Platz 9 nimmt unterdessen jener völlig verschnarchte Jüngling ein, der zur Kölner Oberbürgermeisterwahl ohne Wahlbenachrichtigung und ohne Personalausweis im Wahllokal erschien. Als der Wahlhelfer seinen Namen nicht in der Einwohnerliste des Wahlbezirks fand und ihn fragte, wo er denn wohnen würde, erklärte der völlig verpeilte Jüngling, das wisse er nicht so genau, jedenfalls „irgendwo in der Nähe des Ehrenfeldgürtels“, aber er sei erst kürzlich dorthin gezogen und könne sich noch nicht die Adresse merken.
Lange überlegte Herr Bär, ob dem DFB-Vorsitzenden Wolfgang Niersbach ein Sonderpreis gebührt oder nur Platz 10 für sein hilfloses Gestottere auf jener legendären Pressekonferenz, als Niersbach erklären sollte, was eigentlich aus den 6,7 Mill. Euro geworden ist, die der DFB an den Fußballverband FIFA überwies für ein Kulturprogramm, das nie stattfand. Allein schon diese versemmelte Pressekonferenz veranlasste die Zeitungskommentatoren zu der Einschätzung, nach der Deutschen Bank, Siemens, dem ADAC und VW habe nun auch der DFB als die letzte große Säule siegfriedianisch-teutonischer Rechtschaffenschaft an Glaubwürdigkeit verloren, und im Ausland glaube man nun, in den Vorstandsetagen deutscher Banken und Industriekonzerne und im Funktionärswesen ginge es bisweilen so tückisch zu wie bei levantinischen Hütchenspielern.
© Raap/Bär 2015

bär aktuell 192

Dezember 2nd, 2015

napotheaterplakat  teller fischsuppe 69 euro

Bär polyglott – unterwegs mit Herrn Bär Neapel sehen und sterben? Letzteres wohl lieber nicht, findet Herr Bär, der beim Landgang von einem Kreuzfahrtschiff angenehm überrascht ist, dass das Erscheinungsbild der Stadt seit dem letzten Besuch vor 35 Jahren an Sauberkeit deutlich gewonnen hat, weil nämlich die Neapolitaner ihren Müll inzwischen in einer überdimensionierten Müllverbrennungsanlage in Köln entsorgen. Köln wiederum hält sich auch für eine mediterrane Stadt, was man dort damit unter Beweis stellt, indem man beim Grillen im Kölner Grüngürtel die abgenagten Hühnerknochen und zerdrückten Bierdosen achtlos auf der Liegewiese zurück lässt, weil man das für mediterrane Nonchalance hält, was aber wiederum in den Parks von Neapel kein Mensch macht, und auch der Hausmüll wird überall in Italien ordentlich getrennt. Die skandalösen korrumptiven Begleitumstände, mit denen damals Kölner Lokalpolitiker bei der Müllindustrie „Danke schön“-Spenden für den Bau der Müllverbrennungsanlage einsammelten, damit auch der Müll von Neapel mit entsorgt werden kann, lassen den mutmaßlichen Versuch des Fußballbundes DFB, sich mit 6,7 Mill. Euro den Zuschlag zur Austragung einer Fußball-WM zu erschleichen, als Dummer Jungen-Streich erscheinen. In Neapel herrscht derzeit rege Bautätigkeit, überall wird mit dem Presslufthammer gerattert, auch ansonsten geklotzt und gekleckert, aber auf neapolitanische Bauunternehmer ist durchaus Verlass: die werden mit ihren Bauvorhaben schneller fertig als der Berliner Mehdorn-Flughafen oder die ebenfalls höchst dilletantische Sanierung der Kölner Oper.
Auslandsreisen sind also generell zu empfehlen, um Vorurteile und folkloristisch verbrämte Klischeevorstellungen über andere Länder und andere Völker abzubauen, zumal auf einem 300 Meter langen Kreuzfahrtschiff, wo Passagiere und Besatzung aus 60 verschiedenen Nationen auf engem Raum nur gut miteinander auskommen, wenn sie gelernt haben, tolerant und freimütig miteinander umzugehen. Der kubanische Mit-Passagier schwärmt von unserer Bundeskanzlerin („Oh, we all love Mrs. Merkel, she has such a great heart“), und der indonesische Steward erzählt uns, wie er auf Bali das Niederbrennen hinduistischer Tempel durch islamistische Dschihadisten mit erlebt hat. Die Getränke, die man bei 20 Grad C plus im November auf dem Sonnendeck mit Blick auf Sardinien oder die Küste vor Cannes verzehrt, werden am letzten Reisetag in US-Dollar abgerechnet, und Herr Bär hofft nun, dass bis zum Tag der Lastschrift auf der Kreditkarte der Euro-Kurs sinkt und die Zeche dadurch noch etwas billiger wird – man muss gegenüber Währungsspekulanten auch mal Milde walten lassen. Und noch ein Vorurteil gilt es zu revidieren: amerikanisches Heineken-Bier schmeckt eigenartiger Weise doch besser als das holländische Original-Gebräu. Dass sie einem kalifornischen Rotwein das Etikett „Chateau St. Jean“ verpasst haben, hat allerdings eher etwas mit Illusion als mit französischem Winzerhandwerk zu tun.
Das Highlight in der Kathedrale von Civitavecchia ist ein gläserner Reliquienschein mit einem Oberschenkelknochen vom Hl. Vincenz, und am Strand von Livorno kann man den örtlichen Fischern zuschauen, wie sie den Rogen aus dem Inneren der Seeigel für einen köstlichen Sugo auskratzen (Rezept s. unten). Wer auf einem Kreuzfahrtschiff zum „Captain’s Dinner“ oder „Officer’s Dinner“ mit einem Schiffsoffizier eingeladen wird, sollte unbedingt die Kleiderordnung beachten. Verpönt sind bauchnabelfreie Oberbekleidung bei den Damen und zerrissene Jeans oder Badelatschen bei den Herrn, wie die Instruktion auflistet. Angesagt ist stattdessen „Cruise Casual“ oder „Smart Casual“, also jene lässige Eleganz, in der Herr Bär seit eh und je immer eine gute Figur macht. Der Theaterabend mit einem Musical wird als „nicht jugendfrei“ und als mögliche „Verletzung von Gefühlen“ angekündigt, bloß weil in dem absolut harmlosen Stück die meisten Schauspieler im Travestie-Kostüm auftreten, was dem überall zunehmendem Puritanismus konservativer Hardliner und dem ebenfalls bedenklichen Muckertum ängstlicher Gutmenschen geschuldet ist, bloß ja keinem auf den Schlips zu treten, der sich durch eine Federboa provoziert fühlen mg.
Wie man in Cannes den Schönen und Reichen das Geld aus der Tasche lockt, wissen die Cuisiniers in den Nobel-Hotels, wo ein Teller Fischsuppe 69 Euro kostet, und wo aber selbst Rolls Royce-Besitzer beim rituellen Vorfahren am Hoteleingang sich einen Sicherheitsheck mit gründlichem Blick in den Kofferraum gefallen lassen müssen. Derweil halten saudi-arabische Grundstücksmakler in einer architektonisch gründlich misslungenen Event-Halle am Strand eine Immobilienmesse ab, unter deren Besuchern man allerdings hemdsärmelig herumpolternde neapolitanische Bauunternehmer und jovial grinsende Kölner Müllbarone als Besucher freilich weitgehend vermisst. Dabei gäbe es in der südfranzösischen Hafenstadt durchaus viel abzureißen und neu zu bauen, denn außerhalb der Altstadt wirkt Cannes an einigen Ecken baulich manchmal doch eher wie ein plattenbauähnliches Köln-Chorweiler für Millionäre.
© Raap/Bär 2015

Essen und Trinken mit Karl-Josef Bär
Risotto oder Spaghetti al Riccio di Mare (Seeigel) nach Art der Fischer von Livorno
Bisweilen kann man direkt am Strand von Livorno beobachten, wie die Fischer dort an der kleinen Öffnung der Seeigel rundum einen Deckel abschneiden, den rosaroten Rogen mit einem Löffel heraus holen und in ein Glas geben. Man vermischt den Inhalt mit Zitronensaft, und stellt diese Basis für den Sugo erst mal eine Weile kalt. Man bereitet Spaghetti oder Risotto separat zu. Die Sauce wird in einer Kasserole angerührt, indem man in erhitztem Olivenöl die Seeigelmasse, 1 paar Fischstückchen vom Stöcker oder von kleinen Rotbarben, bei Bedarf auch kleine weiße Muscheln, Zwiebeln, Knobloch und kleine grüne Paprikastücke andünstet – man kann auch 1 frische grüne Peperonischote 30 Sek. lang mitdünsten (aber nicht länger, sonst wird der Sugo zu scharf), dazu ein Paar Spritzer Zitronensaft. Mit Fischfonds auffüllen, bei Bedarf auch einen Schuss Weißwein hinzugeben, 2 Tomaten mit köcheln lassen, dann mit Sahne, Salz, ein paar Rosmarinblättern und Kukurma abschmecken. Zur Abrundung dann noch Bottarga di Muggine: das ist Rogen von der Meeräsche, vom Thunfisch oder auch Schwertfisch, den man in Italien auf den Märkten getrocknet und gesalzen kaufen kann und dann zu Hause beim Servieren fein über diesem Sugo zu der Pasta oder dem Risotto verreibt.

bär aktuell 190/191 – bild des monats

November 1st, 2015

Die neuesten Witze:

Tünnes führt zwei Elefanten spazieren. Sagt der Schäl: „Och, Tünnes, do häs jo zwei Elefante. Kannste mer eine avjevve?“ – Darauf Tünnes: „Enä, dat jeht nit. Die sin avjezählt.“

Tünnes kommt mit dem Fahrrad in eine Verkehrskontrolle. Der Polizist empört sich: „Sie haben ja überhaupt kein Schutzblech am Fahrrad! Und sie haben überhaupt keine Klingel! Und keine Bremse! Und Sie haben überhaupt kein Rücklicht, und kein Vorderlicht! Das macht fünf Euro Strafe!“ Tünnes fängt an zu lachen und der Polizist fragt irritiert, warum er denn lacht. Darauf Tünnes: „Gleich kütt dä Schäl. Dä hätt üvverhaup kein Fahrrad!“

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Bild des Monats November 2015:

Jürgen Raap, „Der Effizienzkasper“, 2015

malewitsch (1280x1268)

Jürgen Raap „Hommage à Kasimir Malewitsch“, 2015

Ausstellungsbeitrag zur Ausstellung „100 Jahre Schwarzes Quadrat“ in der Galerie Seidel, Köln-Ehrenfeld, 14. Nov. 2015 bis 30. Jan. 2016

 

Bär aktuell 190/191 – 22. Nov. 2015

Die lange Nacht der Industrie rief man unlängst in Düsseldorf aus, und wem nächtliche Fabrikbesichtigungen nicht reichten, der konnte sich ein paar Tage später in Berlin auch noch zur „Langen Nacht der Automobile“ einfinden, deren Höhepunkt wahrscheinlich ein Autokorso mit eingeschaltetem Scheinwerfer gewesen sein muss. Woraufhin man in München glaubte, mit einer „Langen Nacht der Architektur“ und einer „Langen Nacht der Konsulate“ mithalten zu müssen. Im Wettlauf der Event-Deppen hat -wiederum Berlin – mit einer „Langen Nacht der Start Ups“ nicht unbedingt die Nase vorn, denn ein Teil des damit umgarnten Publikums avisiert vielleicht doch lieber „Die lange Nacht der Computerspiele“ in Leipzig, und etwas kopflastiger geht es in Gießen bei der „Langen Nacht der Mathematik“ zu. Und wer schon mal in Berlin ist, sollte dort auch die „Lange Nacht der Astronomie“ nicht versäumen und damit die Nacht zum Tage machen. Wer stattdessen lieber zu Hause bleiben will, der höre sich im Radio die Sendung „Die lange Nacht der Mikrodilletanten“ an, wobei Herr Bär in diesem Fall vermutet, hier bekommen wohl im Studio Leute ein Mikrofon in die Hand gedrückt, die nicht gelernt haben, damit umzugehen. Im Köln wird als Alternative dazu „Die lange Nacht der Fotoworkshops“ geboten (garantiert mikrofonfrei), während Hamburg mit der „Langen Nacht der Weiterbildung“ an den Start geht und sich dabei ein wenig um Intellektuellen-Folklore bemüht. Das Karlsruher Institut der Technologie lädt zur „Langen Nacht der Abschlussarbeit“ ein, was allerdings eine Mogelpackung ist, denn die Veranstaltung ist schon um 22 Uhr beendet: und so was nennt sich „Lange Nacht“! Bei der „Langen Nacht der Chöre“ – auch wieder in Berlin – erklingt zum Abschluss das „Abendlied“ immerhin erst um 1 Uhr nachts, was aber auch noch nicht allzu spät ist. Da die „Lange Nacht der Weine“ im sinnenfrohen Köln schon um 17 Uhr beginnt, ist Herr Bär mal gespannt, wie lange die das durchhalten. Nicht, dass man dann weinselig um 23.15 Uhr die große Multimedia-Show mit „Farbstrahlen“ zur „Langen Nacht der Optik“ in Rathenow an der Havel verpennt! Was einem glatt passieren kann, wenn man sich in Berlin zur „Langen Nacht der Psychoanalyse“ auf die Couch legt und dem Analytiker dann was vorschnarcht. Hamburg fällt in diesem Kontext auch sonst wieder durch einen Hang zur Tiefsinnigkeit auf, denn wahrscheinlich nirgendwo sonst käme man auf die reichlich bizarre Idee, eine „Lange Nacht der Anthroposophie“ abzuhalten (schon wieder Intellektuellen-Folklore!), und in Tübingen ist die „Lange Nacht der Nachhaltigkeit“ als eine Gegenveranstaltung zur nächtlichen Ex und hopp-Weinprobe in Köln einzustufen. Wer das alles hinter sich hat, der muss sich wahrscheinlich anschließend mal richtig ausschlafen.

Journalistische Prosa Musste man schon seit Jahren beklagen, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ habe seine einstige sprachliche Süffisanz verloren, so liefen die Redakteure jüngst wieder zu alter gebrauchsliterarischer Form auf mit dem Satz: „Ihre Gesichter strahlten bleich im Licht der Smartphones, auf das sie starrten“. Nachzulesen im Bericht über den Besuch einer chinesischen Delegation im amerikanischen Silicon Vallery. Derweil beschrieb „Die Zeit“ das Nebengebäude der Deutschen Bank in Frankfurt als „Das Sterbehaus“. So hämisch bezeichnen laut Zeutungsbericht die jüngeren Bank-Mitarbeiter dieses Gebäude, in denen die pensionierten Vorstände dann noch weiterhin ihre Büros haben, in denen sie mit der Bedeutungslosigkeit des Alters hadern: Geld macht nicht glücklich, auch wenn diese Bonus-Banker auf ihren Privatkonten Millionenwerte zu vererben haben, aber reich ist schließlich auch jeder goldkettchenbehangene Zuhälter, der nicht bis drei zählen kann, und so bietet in den Augen der pensionierten Banker Reichtum mithin auch nicht mehr das Sozialprestige früherer Zeiten, als die Banker noch Bankiers hießen. Das wahre Statussymbol sei hingegen der Raum oder der Platz, über den man verfügen darf, also ein riesengroßes Büro zum Beispiel, wo jeder Besucher erst einmal bis zu den Knöcheln im Flausch des Teppichbodens versinkt und sich wie ein kleiner, schüchterner Bittsteller vorkommt, wenn er sich 30 Meter weit zum Schreibtisch des Vorstands vortastet. Eine räumliche Machtgeste, den die Banker den Schlössern und Palästen der Feudalherrscher abgeschaut haben. Und dann wird solch ein Vorstand nach der Pensionierung einfach in ein kleines muffiges Büro in jenem Nebengebäude abgeschoben, den die beruflich noch aktiven Zyniker in der Investmentabteilung so schnoddrig, wie sie nun mal sind, „das Sterbehaus“ nennen. Da muss man fast schon Mitleid mit den Ex-Bossen haben…
© Raap/Bär 2015

Essen und Trinken mit Karl-Josef Bär
Kürbissuppe Subbelrath
Hokkaido-Kürbis entkernen und in kleine Würfel schneiden, in einen Topf mit heißem Öl oder Butter geben, dazu eine gewürfelte Zwiebel, 1 Vanilleschote und 1 Knoblochzehe. Dann 1 Möhre dazu raspeln und mit Gemüsefonds auffüllen. ca. 30-40 Min. köcheln lassen. Mit Salz, Pfeffer, gelbem oder grünem Curry, Ingwer, Muskat Kreuzkümmel oder Schwarzkümmel würzen, zum Schluss mit Sahne abbinden.
Dorade à la Mahares
Pro Person eine ganze Dorade, ausnehmen, schuppen, salzen, pfeffern mit Olivenöl und mit Zitronensaft einreiben, im Inneren, Ras al-Hanout-Pulver, Knoblochpaste und etwas (vorsichtig!) Harissa-Paste verreiben, klein gehackte Tomaten und kleingehackte rote Spitzpaprika als Füllung hinzugeben, in einer Pfanne mit Olivenöl, Zwiebeln und Knobloch braten, grüne oder schwarze Oliven hinzufügen etwas Wasser oder Fischsud auffüllen, roten Gemüsepaprika mit Reibe zufügen, evtl. mit etwas Zitronensaft abschmecken, als Kräuter entweder Thymian oder frische Minze/Koriander zufügen, dazu als Beilage: Bulgur in Schüssel 30-45 Min. lang in heißem Wasser aufquellen lassen. In separatem Topf Lauchzwiebeln in Öl andünsten, Bulgur und Knobloch hinzufügen, Salz, Pfeffer, Kreuzkümmel, kleine Gurkenstreifen und kleine Stücke roten Gemüsepaprika, zum Schluss mit frischer Petersilie, frischer Minze und frischem Koriander würzen. Aufgequollener Bulgur kann mit diesen Zutaten und Gewürzen auch kalt als Salat gereicht werden.

 

 

bär aktuell 189 und bild des monats Okt. 2015

Oktober 1st, 2015

Bild des Monats Oktober 2015:

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Jürgen Raap, „Der Pilger von Junkersdorf“, 2015

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„Nachturinal“, Foto: Copyright Bär/Raap 2015

Bär aktuell Nr. 189  – 22. Okt. 2015
Für die nachtaktiven Wildpinkler stellte man unter der Kölner Severinsbrücke ein Schild mit dem Hinweis „Nachturinal“ auf. Nur ist dort allerdings weit und breit kein Dixie-Klo oder ähnliches zu sehen, was die Unterzeile „Für ein sauberes Köln“ unterstützen könnte. Einzig und allein die Kaimauer ohne Geländer lädt dazu ein, sich ins Hafenbecken zu erleichtern. Was bei den Jungesellenabschiedsabenden, mit denen die Altstadt an den Wochenenden heimgesucht wird, dann ab einem gewissen Promillegrad im Willen, am Rand der Kaimauer beim Pinkeln die Balance zu halten, gewiss ein akrobatisches Wagnis ist.
Herr Bär hatte ja schon immer denselben Musikgeschmack gehabt wie der Rolling Stones-Gitarrist Keith Richards, und Herrn Bärs Überzeugung, dass Hiphop musikalisch eher einfältig ist und dass vor allem auch die rhythmisch monotonen Textdarbietungen der Rap-Musiker mit ihrer oftmals arg aufgesetzten Underdog-Attitüde an die poetische Kraft der Minnesang-Lyrik eines Neidhart von Reuenthal längst nicht heranreichen, bestätigte Keith Richards unlängst mit seinen Worten: „Rap – so viele Worte, so wenig wird gesagt“. Rap habe gezeigt, dass es heute sehr viele Menschen „ohne musikalisches Gehör“ gebe, meint der Rolling Stones-Gitarrist: „Alles, was die brauchen, ist ein Schlagzeug-Beat und jemand, der dazu herumschreit, und schon sind sie glücklich“. It’s only Rock and Roll…
Bärs Bestatterkritik Nachdem im vergangenen Frühjahr der sympathische Musiker Winfried Bode sein 50jähriges Bühnenjubiläum im Kölner Bestattungshaus Pilartz beging, lädt Pilartz nun für den 15. November 2015 in seine Trauerhalle zu einer Dichterlesung. Geboten wird ein Text, „warmherzig und voller Komik“, wie es in der Einladung heißt, und damit dem Ambiente einer Trauerhalle angemessen: Ingeborg Semmelroth liest aus „Schneckenmühle“ von Jochen Schmidt. Lebensnah ging es auch kürzlich im Bestattungshaus Pütz-Roth, zu, wo der Mundart-Poet Heinz Monheim die kölsch-bergische Herbstrevue „Et is wie et es“ moderierte: ein Programm, das trotz wahrscheinlich in einem Beerdigungsinstitut außerhalb des Rheinlands undenkbar wäre. Über sich selbst lässt Heinz Monheim im Internet wissen, er „erhebe nicht den Anspruch, ein Kölsch nach den Regeln der Kölsch-Akademie zu schreiben“, und das hört sich so eigenwillig an, dass man glauben mochte, da habe bei der Revue-Darbietung im Trauerhaus ein zorniger Sprach-Rebell am Mikrofon gestanden. Christoph Kuckelkorn, der im vergangenen Jahr noch die „mörderischen Schwestern“ in seinem Bestattungsunternehmen bei ihrer Lesung verkünden ließ, „Für den guten Ruf gehen wir notfalls über Leichen“, verzichtet in diesem Herbst offenbar darauf, das Kulturprogramm der Bestatter-Szene mit einem eigenen Beitrag zu bereichern – jedenfalls ist auf seiner Internetseite unter „Aktuell“ derzeit kein Terminhinweis zu finden, und das wiederum lässt nun Herrn Bär rätseln, ob sich hier beim Nestor der rheinischen Bestatter vielleicht eine Trendwende in der Unternehmensphilosophie der Beerdigungs-Branche ankündigt.
Oh Gott, Herr Ott Im wegen eines dilletantisch gestalteten Wahlzettels um sechs Wochen verlängerten Kölner OB-Wahlkampf verzeichnet der Kandidat Dr. Mark Benecke (bekannt als Kriminalbiologe „Dr. Made“) von der Satire-Partei („Die Partei“) die meisten Facebook-Klicks. Der SPD-Kandidat Jochen Ott ließ sich derweil im Rodenkirchener Hallenbad in Badehose ablichten und postete das Foto ebenfalls auf Facebook. Da Ott dabei jedoch aus Sicht seiner Wahlkampfhelfer zu viel Hüftgold zeigte, rieten sie ihm, das Foto lieber wieder zu löschen, was der Kandidat dann auch vorübergehend tat, um dann reumütig wieder eine Kehrtwendung zu machen, er stünde zu seiner Figur. Wirken Politiker eigentlich menschlicher, wenn sie dicker werden? Aus der Sicht von Casting-Agenturen für verhungert aussehende superschlanke Models sicherlich nicht. Und zum Kauf einer Leopardenbadehose animieren jemanden wie Herrn Bär jedenfalls eher Tarzanfilme, aber keine Wahlkampffotos von Jochen Ott im Schwimmbad.
Wer den Schaden verursacht, braucht für den Spott nicht zu sorgen War es bisher das Privileg von Friseurläden, mit verkrampft-witzig bemühten Wortspielen wie „Kopfsalat“, „Rockhaarfäller“ oder „Stadtkämmerei“ Aufmerksamkeit zu erregen, so sieht sich nun eher unfreiwillig der Wolfsburger Schummel-Konzern brachialhumorigen Umdeutungen seines Firmennamens wie „Vom Winde VWeht“ ausgesetzt. Andere Witzbolde attestieren dem Konzern jetzt eine „Golfkrise“ oder assoziieren beim Namen des zurückgetretenen Vorstandsbosses Martin Winterkorn“ eine Schnapsmarke, war doch der Einbau einer manipulierten Abgaswerte-Software per se eine ziemliche Schnapsidee, wobei der Alkoholgehalt dieses fiktiven „Echt Wolfsburger Winterkorns“ in Vol.-Prozent genau der Prozentzahl an Verlusten am Aktienmarkt entspricht. Wenn der Schadstoff-Diesdel schon still gelegt werden muss, kann sich der Fahrer ja ungeniert einen Schluck aus der Pulle gönnen.
© Raap/Bär 2015

Essen und Trinken mit Karl-Josef Bär
Oktopus/Pulpe à la „Atlas-Fisch“ Köln-Ehrenfeld
In großem Topf Knoblochbutter erhitzen, 1 gr. Zwiebel und 2-3 Lauchzwiebeln glasig dünsten, 1 geschnittenen Fenchel hinzugeben, 1 halbe Möhren, 1 halbe Poreestange, klein gehackter Knollensellerie und reichlich Knobloch. Ganze Pulpe waschen, salzen, pfeffern, mit Lemoensaft einreiben und in den Topf geben, mit 1 Glas Fischfonds und Wasser auffüllen, reichlich Knobloch hinzugeben und Rosmarin. 40 Min. kochen lassen, bis der Oktopus weich ist. Oktopus herausnehmen abkühlen lassen und klein schneiden. Aus dem Sud zerkochtes Gemüse herausnehmen, ein paar neue frische Möhrenscheiben und Selleriestückchen hinzugeben, etwas Hummer- oder Krabbenpaste, frische Petersilie, kurz aufkochen lassen und als Vorsuppe servieren. Die Oktopusstücke in Olivenöl kurz anbraten und mit frischer Petersilie bestreuen.

Bär aktuell Nr. 187/188 und Bild des Monats

September 1st, 2015

Bild des Monats September 2015:

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Jürgen Raap, „Die Narren der Ökonomie“, 2015

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Vernissage zur Ausstellung „offen gelegt – fünf Kölner Künstler“, Michael Horbach Stiftung, Köln, 30. Aug. 2015

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alle Fotos und Copyright: S. Kallnbach, Köln

Bär aktuell Nr. 187/188 – 22. Sep. 2015:

Als kürzlich der bayerische Innenminister Joachim Hermann verkündete, der Sänger Roberto Blanco sei ein „wunderbarer Neger“ (obwohl der Mann Blanco heißt, und das bedeutet im Spanischen „Weiß“, wiewohl eben jener Roberto Blanco bei einem Gastauftritt auf einem CSU-Parteitag mal fröhlich in den Saal rief „Wir Schwarzen müssen zusammen halten“), herrschte in den Medien große Aufregung in Sachen verbaler politischer Korrektheit. Prompt wählte auch der in Köln-Mülheim ansässige Karnevalsverein „ KG Müllemer Neger“ einen neuen Namen und nennt sich jetzt– um sich nicht mehr dem Verdacht des Rassismus auszusetzen – „KG Müllemer Klütte von 1961 e.V.“ „Klütte“ sind im Rheinischen schwarze Briketts… Klingt dem ersten Anschein nach formal korrekter, meinte aber früher hinsichtlich der semantischen Konnotation in der kölschen Umgangssprache das Gleiche – im Kölner Taxifahrer-Jargon wurde nämlich noch vor nicht allzu langer Zeit eine bekannte Afrikaner-Disco im Funkverkehr als „Klüttenkeller“ bezeichnet, was nun wirklich nicht witzig ist, sondern reichlich abwertend. So kann man sich als „KG Müllemer Klütte“ mit derlei sprachlichen Korrekturen freilich auch schon mal einen Bärendienst erweisen.
Andere ähnliche Karnevalsvereine, nämlich die „Löstige kölsche Afrikaner“, die „Vringsveedeler Dschungelbröder“ oder die „Poller Boschräuber“, können sich allerdings über Verdächtigungen in Sachen verbaler Rassismus insofern erhaben fühlen, als in ihrem Vereinsnamen eben nicht das böse „N-Wort“ vorkommt. Der Kabarettist Volker Weininger meint hingegen, ein politisch korrekter Karnevalsverein müsse heut zu Tage am besten „ KG Fidele Veganer e.V.“ heißen, wiewohl man sich dann freilich entscheiden müsse: „Entweder fidel oder Veganer“. Beides passe nun mal nicht zusammen.
Marius Jung, als „schwarzer deutscher“ Autor und Comedian aus Trier gebürtig, „verarbeitet auf satirische Weise rassistische Sprachfallen“ (Süddeutsche Zeitung), wurde jedoch wegen seines Werks „Singen können die alle – Handbuch für Negerfreunde“ von sauertöpfischen Studenten der Uni Leipzig selbst als Rassist beschimpft. Auch der Mainzer Dachdeckermeister Thomas Neger, Enkel des legendären Fastnachtssängers Ernst Neger („Humba humba täterä“) musste sich vom ASTA der Uni Mainz wegen seines 70 Jahre alten Firmenlogos anfeinden lassen, weigerte sich aber bislang, das Logo zu ersetzen: „Wir heißen nun mal Neger“. Derweil tingelt Marius Jung mit seinem Satire-Programm „Vom Neger zum Maximalpigmentierten“ über die Kleinkunstbühnen, und man fragt sich, ab wann der Wunsch nach adäquatem sprachlichem Ausdruck für lautere Gesinnung sehr rasch auch in das Gegenteil eines rigorosen Gesinnungsterrors umkippt: so forderte kürzlich in einem Mitgliederrundbrief der Kölner Grünen einer allen Ernstes, im Sinne einer „Gender-Mainstream“-Erziehung solle man an Karneval kleine Mädchen nicht als Prinzessin mit rosa Röckchen kostümieren und kleine Jungs nicht in ein Indianerkostüm stecken (aber auch nicht umgekehrt!). Und da zu zu jeder Moral auch eine Doppelmoral gehört, denkt Herr Bär darüber nach, ob dieser grüne Kostümierungs-Puritaner nicht zu Hause heimlich Karl May-Filme guckt mit Pierre Brice in der Hauptrolle als Winnetou.

Wer Anlass zu der Befürchtung hat, der amerikanische Geheimdienst höre sein Telefon ab, der kann von der sizilianischen Mafia lernen, dass auch im Jahre 2015 eine archaische Kommunikation über „tote Briefkästen“ noch sinnvoll sein kann. So wurde berichtet, dass ein flüchtiger Mafia-Pate zusammengefaltete Zettel mit einer Botschaft im Garten eines Schäfers versteckte. Der Schäfer musste dann denjenigen, der den Zettel abholen sollte, anrufen und ihm mitteilen: „Das Futter für die Schafe ist fertig“. Als die Presse die Meldung veröffentlichte, die italienische Polizei habe endlich den „Mafia-Code geknackt“, meldete sich in einem Internet-Kommentar ein unverbesserlicher Schlaumeier zu Wort: „Das soll ein Geheimcode sein?“ Solch eine chiffrierte Botschaft entziffere doch wohl jeder Kreuzworträtsellöser „innerhalb von Minuten“.
Wer Musikinstrumente besitzt, aber nicht gleichzeitig auch noch das nötige Talent, um ihnen harmonische Töne zu entlocken, dem verhelfen weder bewusstseinserweiterte Substanzen noch veganer Quitte-Holunderblütentee zu mehr Musikalität, wie er Herr Bär jüngst beobachten konnte, als ein Instrumentenbesitzer aus der Nachbarschaft bei offenem Fenster versuchte, auf dem Saxophon „I did it my way“ in der Version von Frank Sinatra darzubieten, bereits nach dem dritten Ton jedoch den Song jaulend abbrach. An Damenbekanntschaften hat der Instrumentenbesitzer zumeist verhärmt und entsagungsvoll dreinblickend wirkende Öko-Tanten zu Gast, die ein wenig so aussehen wie eine Tochter der Grünen-Ikone Kathrin Göring-Eckhard, und bei denen die Balz-Strategie des Instrumentenbesitzers sich als erfolglos erwies, sie mit dem Argument in die Wohnung locken zu wollen, er könne „I did it my way“ auf dem Saxophon spielen, weshalb er seine Damenbekanntschaften nunmehr lieber mit dem Argument anbahnt: „Oh, Baby, willst du mal meinen veganen Quitte-Holunderblütentee probieren?“ Der Computerbesitzer bei ihm im Hause, der sich „Start up-Unternehmer“ nennt, wirkt zwar äusserlich auch so, als ob er nur Mottenkugeln in der Jackentasche hätte, hat aber trotzdem immer aufregende Blondinen im Gefolge, denen er offenbar einredet, er bringe sie in der „Start up“-Szene groß raus, und wahrscheinlich überlegt der Instrumentenbesitzer sich jetzt, ob er nicht auch lieber Start up-Unternehmer werden soll.
Neulich geriet Herr Bär zufällig in einen Wurst-Wettbewerb, den man auf neudeutsch als „Wurst Challenge“ etikettiert hatte. Es wurde reichlich polnisches Bier ausgeschenkt, und als alle genug davon intus hatten, galt es darüber ab zu stimmen, ob die kölsche Currywurst eines lokalen Fleischbarons besser schmecke als eine Krakauer Wurst. Und obwohl -wie gesagt – dazu nur polnisches Bier ausgeschenkt wurde und kein Kölsch, lag nach Auszählung der Stimmen dennoch die Currywurst „um eine halbe Wurstlänge“ vorn, wie der Moderator launig verkündete. Herrn Bär beschlich das Gefühl, dass es bei diesem Wettbewerb in Wirklichkeit gar nicht um die Wurst ginge, sondern um Werbung für polnisches Bier.
Krähte in der U-Bahn eine thusneldahafte (vulgo: tussihafte) Vierzehnjährige: „Ich finde das total krass, wie abhängig unsere Generation vom Handy ist“. Darauf ihr ebenfalls etwa vierzehnjähriger Begleiter: „Find ich auch. Schließlich gibt’s ja auch noch Video-Chats“.
© Bär/Raap 2015

Essen und Trinken mit Karl-Josef Bär
Ungarische gefüllte Paprikaschoten à la Karl-Josef Bär
Hackfleisch (½ Schwein, ½ Rind) mit klein gehackten Zwiebeln, einem rohen Ei, frischem Rosmarin und Knobloch und halb gar gekochtem Reis vermengen (alternativ auch mit nur Sauerkraut, oder mit Hackfleisch und Sauerkraut, denkbar auch Sauerkraut und Reis zusammen, mit oder ohne Fleisch), in Kasserole geben, klein gewürfelte Tomaten und 1 klein geschnittene rote Paprikaschote sowie 1 klein geschnittene Möhre hinzugeben, mit Rinder- oder Gemüsebrühe auffüllen, im Backofen ca. 1 Std. bei mittlerer Temperatur garen, zum Schluss mit Majoran, Paprikapulver (Rosen und edelsüss) und Petersilie abschmecken. Dazu passt ein trockener ungarischer Rotwein oder ein österreichischer Rotwein aus der Wachau.
Rochenflügel à la Karl-Josef Bär
Salzkartoffeln in kleine Würfel schneiden und kochen. Bei Tomaten die Haut abziehen und klein würfeln. 2 Schalotten oder 1 mittelgroße Zwiebel klein würfeln. Kapern und Knobloch und ½ rote Spitzpaprika grob hacken. Rochenfilets salzen, pfeffern und mehlieren und in Olivenöl anbraten, Schalotten/Zwiebeln und andere Zutaten hinzugeben, andünsten, Fischfilets wenden, mit Fischfonds ablöschen und kurz aufkochen lassen. Etwas Tomatensaft hinzufügen. Mit frischem Dill und frischer Petersilie bestreuen.