Bär aktuell Nr. 173 – Bild des Monats

September 1st, 2014

Als der Finanzunternehmer Carsten Maschmeyer sich anschickte, seine Villa auf Mallorca für 38 Mill. Euro verkaufen zu wollen, trat in den Medien der Einrichtungspapst Ernesto Mezei auf, um an der Innenausstattung Kritik zu üben: bei Maschmeyer sähe es „altbacken und kitschig“ aus, wie eine „Mischung aus Denver-Clan und Düsseldorfer Lagerhalle“, so war in der Print-Ausgabe des Kölner „Express“ nachzulesen. Da auf den Terrassencafés der vornehmen Düsseldorfer Königsallee das Glas Champagner mit 8 Euro billiger ist als die Botox-Spritze beim Schönheitschirurgen oben im ersten Stock, kann man nun Mutmaßungen darüber anstellen, wie es wohl in einer Lagerhalle der NRW-Landeshauptstadt aussehen mag. Antwort: Wie bei Carsten Maschmeyer zu Hause.
Den feinen semantischen Unterschied zwischen „pleite“ und „vorübergehend zahlungsunfähig“ in der Welt der Hochfinanz verdanken wir dem Ex-Bertelsmann-Manager Thomas Middelhoff, der sinngemäß bekundete, er sei nicht pleite, sondern derzeit nur etwas klamm, da die Gerichte sein Vermögen blockierten. Derweil fühlten sich die Anleger bei einem der legendären Esch-Fonds ins Gesäss gekniffen, als der Fonds-Geschäftsführer Josef Esch ihnen mitteilen musste, „unsere Mitgesellschafter Cornelie und Dr. Thomas Middelhoff“ befänden sich „in ernsten finanziellen Schwierigkeiten“. So kann man es auch ausdrücken. Die anderen Fondsgesellschafter sind „40 deutsche Millionäre“, wie der „Spiegel“ meldete, und die stiegen in den Esch-Fonds offenbar nicht nur mit eigenem Geld ein, sondern aus „steueroptimierenden“ Gründen (auch) mit einem Bankkredit. Middelhoff bediene nun die Ablösung dieses Bankkredits in Höhe von drei Millionen Euro nicht mehr, so hieß es weiter, weswegen die anderen Fonds-Anleger nun fürchten müssten, für die Middelhoffs mithaften zu müssen. Thomas Middelhoff wiederum „begründete seinen Zahlungsstopp damit, dass der Fonds-Geschäftsführer Esch ‚keine gesamtschuldnerische Haftung‘ herbeiführen dürfe“, so das „Handelsblatt“. Da es sich „um einen Betrugsfall handele, sei der Fonds als Kapitalanlage unwirksam. Dementsprechend müsse Middelhoff die Kredite nicht mehr bedienen“, zitiert das „Handelsblatt“ seinen Anwalt. Seine Frau habe „gewisse Vorbehalte gegen die Person Esch“ geäussert, gab Middelhoff in einem Interview preis, trotzdem hätte das Ehepaar in den Fonds investiert, denn „dass man“ bei einem geschlossenen Immobilienfonds „nicht genau weiß, mit wem man sich einlässt, schien in diesem Fall kein Problem“, weil ja die seriöse Oppenheim-Bank mit von der Partie gewesen sei. Das hört sich ja fast so an, als ob Thomas Middelhoff sich heute wie ein getäuschter Kleinsparer fühlen müsste, der von einem allzu forschen Bankberater mit einem windigen Finanzprodukt über den Tisch gezogen wurde: „Middelhoff wirft Fondsmanager Esch Betrug vor“, titelte das „Handelsblatt“. Josef Esch wiederum will von Thomas Middelhoff noch 2,5 Mill. Euro an ausstehender Miete für eine Luxus-Yacht am Mittelmeer und beantragte eine Taschenpfändung. Middelhoff erklärte in besagtem Interview, er bilanziere seine persönliche Vermögenslage jetzt in eine Periode „vor und nach Esch“. So burlesk also geht es bisweilen zu in der glitzernden Welt der Hochfinanz, und Thomas Middelhoff fragt sich jetzt vielleicht insgeheim, ob er hinsichtlich der „Person Esch“ nicht doch lieber auf seine Frau gehört hätte.
Zum Schreien komisch stellten sich zwei jugendliche Straftäter an, die aus einem Pfarrheim einen Tresor entwendeten, diesen aber dann nicht an Ort und Stelle aufstemmen wollten, weil der Krach vielleicht den Pastor aufgeweckt hätte. Also schleppten sie den Tresor in den benachbarten Tennisclub und machten dann beim Versuch, ihn dort zu öffnen, so viel Lärm, dass der Platzwart wach wurde und die Polizei rief, und so bewahrheitete sich wieder einmal die geflügelte Redensart, manche seien eben „dümmer als die Polizei erlaubt“.
Als der „Spiegel“ Boris Becker interviewte und der Redakteur ihn fragte, wie er denn dem Eindruck entgegen wirken wolle, er sei vom einstigen „Bum Bum Boris“ zum „Dumm Dumm Boris“ mutiert, da hätte Boris Becker schlagfertig (sic!) dementieren können, ihm seien in jungen Jahren keineswegs zu viele Tennisbälle an den Kopf geflogen. Doch das tat er nicht, und auch auf die Vorhaltungen des Interviewers, man raune hinter seinem Rücken, er sei womöglich pleite, dick geworden und wirke versoffen, reagierte Becker nur trotzig, man neide ihm lediglich seine früheren Erfolge, und das sei typisch in Deutschland. So ganz stimmt das freilich nicht, denn z.B. außerhalb der siechen FDP neidet niemand ihr die früheren (Wahl)erfolge, wie die Sachsen-Wahl gerade eindrucksvoll bewiesen hat, und da man bei den Liberalen immer nur in betriebswirtschaftlichen Kategorien denkt (was eben auch ein Grund für den Niedergang ist), offenbarte deren sächsischer Landeschef freimütig: „Die Marke FDP ist beschädigt“. Man will aber am Wahltag eine Partei wählen, und keine Marke, das ist eben der kapitale Denkfehler.
© Raap/Bär 2014

 

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Bild des Monats: Jürgen Raap/Karl-Josef Bär „Der grausame Brathähnchenesser“, 2014

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„Sagen Sie, Herr Bär, da rechts am Rand der Typ in dem dunklen Anzug und mit dem Hut, das soll doch ein grausamer Brathähnchenesser sein?“
Bär: „Ija, dat sieht man doch“.
„Wieso das denn? Da ist ja gar kein Brathähnchen zu sehen! Haben Sie das beim Malen vergessen?“
Bär: „Enä. Dat hät dä schon verspeist. Aber man sieht ja janz deutlich, dat dä satt is!“

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Bild des Monats – Bär aktuell Nr. 172

August 5th, 2014

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Karl-Josef Bär / Jürgen Raap „Der blinde Bettler“, 2014

 

Bär aktuell Nr. 172   —  3. Aug. 2014

Er wollte schlauer sein als Uli Hoeness: Die Polizei stoppte auf der Autobahn bei Trier einen 83jährigen Rentner, der dort mit dem Fahrrad nach Luxembourg unterwegs war. Der Rentner erklärte, er müsse sich beeilen, um in Luxembourg rechtzeitig sein Konto leer zu räumen, bevor die Bank zum Datenabgleich die deutschen Finanzbehörden informiere. Die Idee, deswegen mit dem Fahrrad die Autobahn zu nehmen, weil das der kürzeste und schnellste Weg sei, erwies sich freilich nicht als besonders klug.

Die Redaktion der SPD-Zeitung „Vorwärts“ lud den Kabarettisten Dieter Hildebrandt zu ihrem Sommerfest ein. Doch der ist letztes Jahr im November verstorben. Hildebrandts Witwe sagte in seinen Namen ab: „Ich kann leider nicht kommen“.

Gut gegeben Als recht schlagfertig erwies sich ein kalabresischer Mafioso, den ein Reporter befragte, was er denn davon hielte, dass der Papst die Mafia exkommuniziert hat. Der Mafioso antwortete, die katholische Kirche sei scheinheilig, denn sie habe bisher immer gerne Spenden von der Mafia entgegen genommen, und außerdem gäbe es unter den Priestern weitaus mehr Päderasten als bei der Mafia.

Wenn die Spitzenpolitiker alle im Sommerurlaub sind schlägt die Stunde der Bundestags-Hinterbänkler. So schaffte es Rolf Mützenich, SPD-Bundestagsabgeordneter aus Köln-Ehrenfeld, an einem Sonntagabend in die Tagesschau, um mit staatstragender Miene die aktuellen Krisenherde der Welt zu erklären, und dies in erstaunlich akzentfreiem Hochdeutsch und in medialer Konkurrenz zu einer Schnappschildkröte, die einen Badesee unsicher macht, und zu Vollhorst Seehofer, der im Konkurrenzkanal des ZDF zum besten gab, er bemühe sich, Demut gegenüber der Bevölkerung zu zeigen, und dies riete er dringlichst auch seiner CSU an. Das TV-Publikum erfuhr an jenem Abend aus den TV-Nachrichten, dass die in Erlangen ausgebüxte bissige Schnappschildkröte „Suarez“ heißt: Namenspatron ist nämlich der Fußballer Luis Suarez, der in seiner bisherigen Karriere schon dreimal einen Gegenspieler gebissen hat, während Vollhorst Seehofer im Interview eigenartigerweise diesmal jegliche verbale Bissigkeit vermissen ließ. Auf dem Tweed www.drehhofer.de kann man nachlesen, der bayerische Ministerpräsident sei „frei von Ansprüchen an sich selbst“, weshalb die jüngsten Demutsbekundungen wohl auch nicht allzu ernst zu nehmen sind. Also: Punktsieg für Rolf Mützenich beim Ausfüllen des Sommerlochs.
Und wenn Vollhorst Seehofers Staatskanzleichefin Christine Haderthauer wegen der „Modellbau-Affäre“ und den damit verbundenen Betrugsvorwürfen sich tatsächlich für ein politisches Amt künftig als untragbar erweisen würde, könnte man sie ja immer noch bei einer staatlichen Lotto-Toto-Gesellschaft unterbringen, wie man es bekanntlich seit eh und je mit abgewirtschafteten Politikern unternimmt, weswegen Christian Humborg von Transparency International Deutschland zu Recht fordert: „… uns ist ganz wichtig, dass die Führungsposition bei staatlich kontrollierten Gesellschaften – und dazu zählen ja die Lottogesellschaften – dass die ausgeschrieben werden, damit die Besten zum Zuge kommen und damit eben nicht der Eindruck von Ämterpatronage entsteht.“

Nach Christine Haderthauer ist der NRW-Landtagsvizepräsident Daniel Düngel von der Piratenpartei, der sich für seine Twitter-Korrespondenz das Pseudonym „Trollmops“ zugelegt hat, derzeit der nächste aussichtsreiche Kandidat für einen fulminanten Karriereknick als Politiker. Immerhin bestätigte das Amtsgericht Oberhausen, dass gegen „Trollmops“ wegen diverser Schulden auf Antrag seiner Gläubiger sechs Vollstreckungsbefehle anhängig sind, weshalb man Zweifel hegen muss, ob der nordrhein-westfälische Oberpirat vernünftig mit Geld umgehen kann, und zumindest Herr Bär hält ihn deswegen auch für ungeeignet, später mal einen Versorgungsposten als Lottobüdchen-Lobbyist zu übernehmen, falls dies jemals zur Diskussion stehen sollte, aber diese Lottoblock-Pfründe haben ja ohnehin CDU und SPD schon längst unter sich aufgeteilt. Via Twitter ließ „Trollmops“ alias Daniel Düngel keinerlei Zerknirschung über die aus Sicht seiner Gläubiger bedenkliche Diskrepanz zwischen Soll und Haben in seiner persönlichen Vermögensbilanz erkennen, sondern posaunte frohgemut in den Äther: „Mir gehts recht gut und selten isses so, wie es scheint.“
© Raap/Bär 2014

baer aktuell nr. 171 – Juli 2014

Juli 21st, 2014

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Lukas Podolski: Würdevoller Empfang im Kölner Rathaus, Foto: Copyright Raap/Bär 2014

Woran erkennt man im Supermarkt den Hausdetektiv? Er ist der einzige, der ohne Einkaufswagen durch die Gänge läuft, seine Blicke argwöhnisch umher schweifen lässt und ab und zu auch mal auf einen Bierkasten steigt, um über das Regel hinüber zu linsen, ob im Nachbargang nicht gerade einer eine Büchse Ölsardinen in der Manteltasche verschwinden lässt. So auffällig benimmt sich jedenfalls der Hausdetektiv in einem renommierten Supermarkt in Köln-Ehrenfeld. Der Mann hat eine typische Türsteherfrisur mit ausrasierten Schläfen, aber bis zum Türsteher scheint er es nicht gebracht zu haben. Vielleicht hat er sich auch nur frisurmäßig als Türsteher getarnt, damit man ihn nicht als Hausdetektiv erkennt. Wenn hingegen da einer mit Schlapphut und Trenchcoat durch die Gänge zwischen den Regalen schleicht, weiß man: das ist nicht der Hausdetektiv, sondern der ist von der NSA und hört aus sicherer Entfernung mit dem Richtmikrofon die Gespräche an der Wursttheke ab.
Einen würdigen Empfang wollte man dem Fußball-Weltmeister Lukas Podolski im Rathaus der Stadt Köln bereiten, wenn er sich dort ins Goldene Buch der Stadt einträgt, ließ der Kölner OB Jürgen Roters verlauten. Was man sich in Köln unter einem würdigen Empfang vorzustellen hat, konnte das Fußvolk an der Rückseite des Rathauses vom Alter Markt aus beobachten: Lukas Podolski war im Fußballtrikot zum Empfang gekommen, auf dem Rathausbalkon stand neben ihm als Vertreter der Lokalprominenz u.a. Henning Krautmacher von den „Höhnern“, aus einem Lautsprecher dröhnte der Stimmungshit „Kölsche Jung“, und dann rief Lukas Podolski der Fangemeinde zu: „Ich danke euch, dass ihr gekommen seid. Kölle Alaaf!“ Derlei nonchalante und bodenständige Auffassung von Würde macht ja gerade das Sympathische an der rheinischen Mentalität aus.
Wenn ein Geschäft sich „Lapland“ nennt, wie auf der Kölner Severinstraße zu beobachten ist, denn glaubt man, der Inhaber wüsste etwas über die Rentierzucht in Skandinavien zu berichten, doch der Mann verkauft einfach nur Laptops. Nun ja, schließlich heißt der Laden ja nicht „Lappland“, aber heute schreibt ja im Zuge einer „Privat-Orthografie“ jeder wie er will, ohne dass man ihm hinterher rufen darf: „Wer nämlich mit ‚h‘ schreibt ist dämlich“. So flanierte Herr Bär irritiert und kopfschüttelnd weiter, um bald darauf mit dem Einfall eines Werbedeppen konfrontiert zu werden, der sich abmühte, einem Teppichgeschäft das Image des „Alles muss raus“-Ramschladens zu nehmen, indem er über der Ladentür ein Reklameschild mit dem Geschäftsnamen „Bodenkultur“ anschraubte. Eine Rolle Linoleum als Auslegware für die Küche als „Bodenkultur“ apostrophieren zu wollen findet Herr Bär allerdings arg euphemistisch. Aber so sind sie nun mal, die Werbedeppen: immer müssen sie übertreiben.
© Raap/Bär 2014

 

 

 

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Juli 1st, 2014

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Karl-Josef Bär /Jürgen Raap „Die schwarze Herrscherin vom Kattenburg“, Öl und Acryl auf Leinwand, 2014, Copyright: Bär/Raap 2014

bär aktuell nr. 170 – 22. Juni 2014

Juni 19th, 2014

funke opjepass

Funke opjepass

 

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Donauufer Budapest – Vorbild für Kölner Rheinboulevard?

Zu den dümmsten Ausreden, die man sich einfallen lassen kann, zählt sicherlich diejenige eines Autofahrers, der mit überhöhter Geschwindigkeit in eine Radarfalle raste und den verdutzten Polizisten erklärte: „Ich wollte mein frisch gewaschenes Auto im Fahrtwind trocknen“. Nach dem Haarewaschen verzichtet dieser Tünnes bestimmt auch auf einen Fön und hält seinen Kopf in die Trockenschleuder einer Waschmaschine. – Nicht minder verdutzt schauten die Polizisten drein, die einen schwedischen Autofahrer auf einer deutschen Autobahn mit 213 km/h stoppten, wo 120 km/h erlaubt war, als ihnen der ertappte Schwede freudestrahlend erklärte, die 1.200 Euro Geldstrafe zahle er jetzt gern, denn mit dem gleichen Delikt wäre er in Schweden für Monate im Gefängnis gelandet. „Alter Schwede“, kann man da nur noch sagen.

Bär polyglott – unterwegs mit Herrn Bär Alberne Wortspiele zur Bezeichnung eines Friseursalons verkneift man sich in Budapest, doch was „Friseur“ auf ungarisch heißt, erfährt man dort trotzdem nicht: der wackere Figaro Imre Szabo, der direkt am Donauufer residiert, hat für sein Geschäftsschild die Bezeichnung „Hairdressing“ gewählt, und so mutmaßte Herr Bär, der Haarkünstler Szabo schmiere seinen Kunden wahlweise „French dressing“ oder eine „Sauce vinaigrette“ mit Dijon-Senf in die Haare. Zu beklagen ist der Internationalismus-Fimmel, von dem man glaubt, er sei der Globalisierung geschuldet, ebenso bei einem Paradebeispiel für den Niedergang der europäischen Esskultur durch den Einfluss der amerikanischen Systemgastronomie, nämlich dem „Gellert Burger“, den das ehrwürdige „Gellert Hotel“ auf seine Speisekarte gesetzt hat. Womit sich für Herrn Bär sämtliche Vorbehalte bestätigen, die man gegen die kulturimperiale Aggressivität der US-Fleischklops-Industrie hegen kann, auch den hintersten Winkel der Welt mit ihren kulinarischen Junk Food-Unsitten beherrschen zu wollen. Dabei serviert man in jedem „Czardas“, wie man in Ungarn die einfachen Restaurants nennt, eine vorzügliche Gulaschsuppe.
Im wunderschönen Jugendstil-Ambiente des Schwimmbads in besagtem Gellert Hotel ließen es bekanntlich die Versicherungsvertreter der Hamburg-Mannheimer 2011 mal ordentlich krachen. Dem Verkehrsausschuss im Rat der Stadt Köln wäre ebenfalls eine Budapest-Reise zu empfehlen, freilich nicht wegen der Ausschweifungen, wie sie sich die Außendienst-Mitarbeiter der Assekuranzbranche in Begleitung fremder Damen mit zweifelhaftem Ruf im Planschbecken des Gellert-Bades gönnen, sondern um sich mit dem gebotenem Ernst dort anzusehen, wie man den geplanten „Rheinboulevard“ am Flussufer lieber nicht gestalten sollte: in Budapest führt nämlich eine reichlich marode Treppe zum Wasser der Donau hinunter, und diese Boulevard-Treppe ist schildbürgerhafterweise von der eigentlichen Fußgängerpromenade durch eine Auto-Schnellstraße rigoros abgetrennt und daher urbanistisch völlig nutzlos.
In der Kunstakademie von Budapest trifft man übrigens auf angenehm freundliche Kunststudenten, die erfreulicherweise jene Arroganz vermissen lassen, mit der beim Rundgang durch die Düsseldorfer Kunstakademie die Lüpertz-Schüler einem immer gehörig auf den Wecker gegangen sind.

Wenn in Bratislava die slowakische Armee durch die Straßen paradiert, erfreut dies das Herz jedes Anti-Militaristen, denn die Uniformierten lassen jegliche Zackigkeit vermissen: eher erinnern sie an die Gemütlichkeit des braven Soldaten Schweijk aus dem benachbarten Böhmen, und man muss kein Slowakisch können, um zu begreifen, was der Kommandant seinen Soldaten wohl zurufen mag: jedenfalls klingt es so ähnlich wie „Funke, opjepass, präsentiert de Knabüs“. In diesem Zusammenhang sei am Rande erwähnt, dass selbst der Kommentator der sonst eher recht betulichen „Aachener Nachrichten“ die Äusserung des Bundespräsidenten Joachim Gauck, „den Einsatz militärischer Mittel als letztes Mittel nicht von vornherein zu verwerfen“, als „befremdlich“ beurteilt.

Mit seiner Ansicht, er wäre wohl immer noch der richtige Bundespräsident gewesen, steht Christian Wulff allerdings ziemlich allein da, und daran ändert auch die Tatsache nichts, dass sowohl sein Vorgänger als auch sein Nachfolger sich verbal deutlich bellizistischer geäussert haben als dies Wulff während seiner Amtszeit in Schloss Bellevue je getan hat. Auch wenn in der politisch interessierten Öffentlichkeit die Zweifel an Gauck wachsen – mit seiner nachkartenden publizistischen Abrechnung gewinnt Christian Wulff jedenfalls keine Pluspunkte. Ein Drama wie aus Goethes Feder mit Christian Wulff als Faust, Ex-Gattin Bettina als Gretchen und dem BILD-Chefredakteur Kai Diekmann als Mephisto war die ganze leidige Affäre bis zu seinem Rücktritt nicht, sondern eher eine mediale Seifenoper, an deren Verlauf Wulff selbst einen höchst aktiven Anteil hatte.  © an Texten, Bildern und Fotos: Raap/Bär 2014

Bild des Monats 2014

Juni 1st, 2014
Jürgen Raap /Karl-Josef Bär "Die Tragödie von der reichen Witwe", Öl/Acryl auf Leinwand, 2014

Jürgen Raap /Karl-Josef Bär „Die Tragödie von der reichen Witwe“, Öl/Acryl auf Leinwand, 2014

bär aktuell nr. 169 – 22. Mai 2014

Mai 21st, 2014

Während Silvio Berlusconi zur Zeit wegen Steuerbetrugs Sozialstunden in einem Altenwohnheim ableistet und dabei zu der Erkenntnis gelangte, er ähnele immer mehr dem Papst, steht Uli Hoeneß vor der Entscheidung, ob er seine Haft nun in einem Gefängnis mit Flachbildschirm in den Zellen oder in einem mit besserem Essen verbringen soll, wie die Boulevardpresse genüsslich kolportierte. Jedenfalls wollen seine Anwälte verhindern, dass er in den Landsberger „Hitler-Knast“ muss. Derweil ruft der frühere Münchener OB Christian Ude (SPD) dem Ex-Bayernboss Hoeneß hinterher, er habe in seiner Amtszeit als OB und im Aufsichtsrat des Konkurrenzclubs TSV 1860 München Hoeneß als „selbstgerecht“ in Sachen Steuermoral erlebt, und beim FC Bayern konstatiert Ude gar „die blanke Geldgier eines Profifußballvereins, der in Gestalt seines Managers den Hals nicht vollkriegen“ konnte. Wer indes an einem Sängerwettstreit teilnimmt und sich dafür den Künstlernamen „Conchita Wurst“ zulegt, muss damit rechnen, dass trittbrettfahrende Metzger sich anschließend die Albernheit leisten, recht einfallslos eine simple Bierwurst als „Conchita-Wurst“ zu deklarieren, wo dies doch allenfalls bei einer Variante der spanischen Chorizo-Paprikawurst angebracht wäre („Chorizo“ klingt ja phonetisch schon so ähnlich wie „Conchita“). Falls sie also im bayerischen Knast mit dem angeblich besten Essen jene Bierwurst „Conchita“ servieren, sollte Uli Hoeneß dann doch lieber ein Etablissement mit Flachbildschirm bevorzugen. Da kann er sich dann die Sangesdarbietungen der originalen Conchita Wurst anschauen.

Zu tadeln ist der dumpfdödelige Paketbote von DHL, der es vorzog, bei Herrn Bär nicht zu klingeln, sondern lediglich einen Abholschein mit Tesafilm an die Haustür zu kleben, wobei die Piddelei an der Tesafilmrolle bestimmt länger gedauert hat, als wenn der Paketbote mal eben schnell die paar Treppen zu Herrn Bär herauf gelaufen wäre. Als Herr Bär anderntags bei Regenwetter das Paket auf dem ein Kilometer entfernten Postamt abholte und noch in der Schalterhalle öffnete, um nachzuschauen was es enthielt (nämlich Rücksendungen von kleinformatigen Kunstwerken von einer Ausstellung), da kam sofort ein Postbeamter angerannt und raunzte Herrn Bär an: „Das Verpackungsmaterial entsorgen Sie aber gefälligst zu Hause und nicht bei uns!“ In diesem Augenblick fand Herr Bär seine sämtlichen Vorurteile über die Misere der deutschen Dienstleistungskultur, insbesondere bei der Post, bestätigt.

Vornehm soll es zugehen bei der offiziellen Einweihung des zum Nobel-Areal umgebauten Rheinauhafens, wo der Fußballer Lukas Podolski eine Eigentumswohnung hat und wo die originale Wurstbude aus den „Tatort“-Krimis ans andere Ende an der Südbrücke verbannt wurde, weil sie den Politikern und den Investment-Managern zu popelig ist. Begründung: „Wir sind Kölner, aber keine Kölschen“, so der reichlich schräge Differenzierungsversuch eines der Manager, der ganz offensichtlich eine Kopie des Düsseldorfer Medienhafens im Sinn hat und den Gästen des Eröffnungsfestes nahe legt, zum „Hafendinner in weiß“ entsprechend gewandet zu erscheinen, denn auch die Tische seien weiß eingedeckt. Sonst spielen bei solchen Anlässen bekanntlich immer die „Höhner“ auf, aber da deren Tafelmusik diesmal offensichtlich zu kölsch wäre, ist als einer der Höhepunkte im Festkalender stattdessen „ein eindrucksvolles Schauspiel mit den Löschbooten der Feuerwehr“ angekündigt. Mit dem Löschwasser kann man wenigstens gut die Flecken von der weißen Weste waschen, falls man sich beim „Hafendinner“ ganz unnobel bekleckert hat.

Einen kleinen Mann im Ohr hat womöglich die Kölner SPD-Ratsfrau Inge Halberstadt-Kausch, die allen Ernstes die Berufung eines „Nachtbürgermeisters“ in Erwägung zieht, der im Falle nächtlicher Lärmbelästigung zwischen den partygeplagten Anwohnern und den Anhängern eines „attraktiven Feier- und Freizeitangebots“ (sic!) vermitteln soll, wenn jemand glaubt, unbedingt nachts um drei Uhr mit 80 Dezibel der musikalischen Ballermann-Unkultur frönen zu müssen und auch noch die gesamte Nachbarschaft daran teilhaben lassen will (s. „Express“ vom 12.5. 2014). Als ob es kein Landesemissionsschutzgesetz gäbe. Aber mit dem Argument der Wirtschaftsförderung sind die Parteigenossen der Dame ja auch beharrlich gegen ein Nachtflugverbot für den Köln-Bonner Flughafen. Wirtschaftsfördernd ist das nächtliche „Feier- und Freizeitangebot“ mit monotonem Techno-Gewummer und basslastigem Hiphop-Gedröhne allerdings in erster Linie für die Hörgeräte-Industrie. Weshalb man den Wunsch, den um „Ruhe ist die erste Bürgerpflicht“ bemühten Nachtwächter früherer Zeiten durch einen „Nachtbürgermeister“ als Lärmregler ersetzen zu wollen, als töricht abtun kann. Denn dann sitzt der arme „Nachtbürgermeister“ eines Tages beim Ohrenarzt und klagt über Tinnitus und Schlafstörungen, weil er nachts arbeiten muss und tagsüber nicht zum Schlafen kommt, weil es auch dann zu laut für ihn ist.
© Raap/Bär 2014

bild des monats mai 2014

Mai 2nd, 2014

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Bild des Monats Mai 2014:

Jürgen Raap/Karl-Josef Bär, „Zigarillos im Schneesturm“, 2014

„Herr Bär, warum rennt die Kellnerin links im Bild hinter dem abgefahrenen Zug her?“
Bär: „Die hat die Mitfahrt im Speisewagen verpasst. Und in der Bildmitte süht mer eine Flötistin un ne Akkordeonspieler em Speisewagen, die op et Essen warten. Ävver die kriegen nichts serviert, weil die Kellnerin links im Bild dä Zug verpasst hätt“.
„Darüber ärgern die Fahrgäste sich bestimmt?“
Bär: „Jojo, dä Akkordeonspieler säht zo singer Begleiterin: mir hängt dä Magen bes op de Knie, und ich bin esu sauer deswegen, ich han ne janz dicke Frosch em Hals!“
„Und was antwortet die Frau?“
Bär: „Wieso em Hals?“
„Den Witz versteht doch keiner, Herr Bär!“
Bär: „Dä Frosch sitzt doch nit em Hals vun däm Typ, sondern om Desch. Dat sieht man doch! So blöd kann man doch nit sein, um die Pointe nit ze verstonn!“

(Beachten Sie bitte auch im Hintergrund an der Wand das Bild mit dem schwarzen Quadrat von Kasimir Millowitsch).

bär aktuell 168 – Bild des Monats April 2014

April 8th, 2014

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Bild des Monats April 2014:

Jürgen Raap/Karl-Josef Bär, „Braunschweiger Nächte“, 2014

„Herr Bär, Sie haben einen berühmten Vermögensverwalter porträtiert?“

Bär: „Jojo, ävver dä hätt sich als Buschräuber verkleidet, domet den keiner erkennt“.

„Und wie verwaltet der so das Vermögen der Leute?“

Bär: „Dä verzällt denne, bei ihren Jeldscheinen wäre die Farbe avjeblättert. Ävver er wör ne Magier us dem Köln-Poller Busch, man müsste ihm die Geldscheine für eine Weile anvertrauen, un er würde dann wat Zaubertinktur auf dat weiße Papier träufeln, un voilá, im Nu hätten die Jeldscheine ihre Farbe zurück“.

„Aber der Magier soll dann mit den Geldscheinen abgehauen sein, die man ihm anvertraut hatte. Grämen die Leute sich dann nicht darüber?“

Bär: „Enä. Die bilden sich ein, dat wör ja suwiesu nur weißes Papier jewesen, met däm dä Jeck do durchjebrannt is…“

 

 

Bär aktuell Nr. 168 – 22. April 2014

Politik bizarr: Dass ein Parteimitglied der Kölner SPD seinen erigierten Penis abfotografierte und das Foto ins Internet postete, dieses Foto zudem noch mit der Bildunterschrift „Mein Kölner Dom“ versah, veranlasste den örtlichen Parteivorsitzenden Jochen Ott zu der verlegenen klingenden Distanzierung, er kenne diesen Parteifreund überhaupt nicht, und die SPD habe damit nichts zu tun. Der Betreffende habe auch inzwischen seine Funktionen in der Partei niedergelegt.  So sei dem pornografisch umtriebigen Parteifreund hinter die Löffel geschrieben, dass man im Rheinland das männliche Geschlechtsteil seit eh und je im Volksmund nicht „Kölner Dom“ nennt, sondern „Et Hermännche“, damit der nächste Versuch einer öffentlichen Selbstinszenierung nicht schon wieder auf dem Witz-Niveau eines pubertären Junggesellenabschiedsabends endet. Der aktuelle Wahlkampf-Slogan der SPD lautet übrigens sprachlich etwas missglückt „Wir können Köln“, und das möchte man bei den Vertretern der Hermännchen-Basis doch ein wenig bezweifeln. Der aktuelle Wahlkampf-Slogan der SPD lautet übrigens sprachlich etwas missglückt „Wir können Köln“. Das hat der exhibitionistische Parteifreund freilich gründlich missverstanden.

Die Replik des Parteichefs Jochen Ott ist allerdings so genial, dass sie vielseitig verwendbar wäre, etwa bei Papst Franziskus, aus dessen Munde wir dann vernehmen: „Tebartz-van Elst? Nie gehört. Denn kennen wir am Heiligen Stuhl nicht. Mit dem hat die katholische Kirche nichts zu tun“. Und wenn weiterhin gereimte Schlagzeilen wie „BILD zu Gast im Hoeneß-Knast“ dem FC Bayern München das Image zu vermiesen drohen, tritt wohl bald der Vereinsboss Karl-Heinz Rummenigge ans Mikrofon, um den Sportreportern zu verkünden: „Hoeneß? Mit dem hat der FC Bayern nichts zu tun“.

Ziemlich einfältig ist ebenso der Wahlkampfslogan der FDP: „Wer FDP will, der muss FDP wählen. Wenn nicht jetzt, wann dann?“ prangt es den Passanten von einem Plakat entgegen. Was im Umkehrschluss heißt: Wer die FDP nicht will, der muss die auch nicht wählen. Das kapiert jeder Philosophiestudent im ersten Semester, der eine Vorlesung über Aussagenlogik besucht, aber die FDP hat einen ja noch nie intellektuell überfordert. Dass indessen auch die übrige politische Konkurrenz mit ihren Slogans nicht viel origineller ist, kommentierte die Wähler-Initiative „Deine Freunde“ mit „Die köln uns mal“.

 

Bär polyglott- unterwegs mit Herrn Bär Erfreulicherweise gibt es in Amsterdam keine überkandidelten Friseure, die ihren Laden „Haargenau“, „Atmosphair“ oder nicht minder dämlich „Müllers Haarbüro“ nennen. In Holland heißt ein Friseurladen schlicht und einfach „Kapsalon“. Allerdings gibt es in der Grachtenmetropole Architekten und Bauherrn, die ihren Gestaltungswahn ausleben, indem sie die roten Klinkersteine der alten putzigen Giebelhäuser schwarz anstreichen lassen, und so sieht die halbe Altstadt von Amsterdam inzwischen aus, als ob dort ein Großbrand gewütet hätte. Aber es waren nur ein paar Anstreicher mit ästhetisch fehlgeleitetem Fassaden-Designer-Fimmel.

Warum aber holländischer Käse in Holland teurer ist als bei uns, obwohl der Mehrwertsteuersatz für Nahrungsmittel im Land der Tulpen und der Windmühlen niedriger ist, gehört zu den ewig unerklärlichen Mysterien der niederländischen Geschäftswelt, die auch für Herrn Bär nicht zu durchschauen sind. Billigen Käse aus Deutschland nach Holland zu schmuggeln hieße also keineswegs Eulen nach Athen tragen. Da in „bär aktuell“ die Erbauung im Horaz’schen Sinne immer auch mit einer Belehrung einher gehen soll, sei abschließend erwähnt, dass es weltweit 249 Eulenarten gibt, während man allein auf dem Käsemarkt von Alkmaar 300 Tonnen Käse auslegt, das macht dann 1,20 Tonnen pro Eulenart: ein Wissen, über dessen Nutzen oder mangelnden Nutzen man die Analysten bei der amerikanischen NSA und ebenso chinesische Industriespione gehörig ins Grübeln bringen kann, sofern sie eifrige Leser von „bär aktuell“ sind. Wobei die chinesischen Industriespione dann auch schon mal was verwechseln. In Peking bauen sie jetzt den Kölner Dom nach, aber sie nennen ihn „Hermann“.

© Bär /Raap 2014

 

 

 

 

bär aktuell 167 – Bild des Monats März 2014

März 1st, 2014

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Bild des Monats März 2014:

Jürgen Raap/Karl-Josef Bär „Die versteckte Schwester“ (2014)

„Herr Bär, welche Zigarrenmarke raucht der Sigmund Freud auf Ihrem Bild?“

Bär: „Handelsgold oder Weiße Eule. So jenau kann man dat op däm Bild nit erkenne“.

„Da hätten Sie aber näher ranzoomen müssen, Herr Bär!“

Bär: „Wejen dä billige Zigarre? Enä!“

„Konnte dieser berühmte Psychoanalytiker sich denn nichts besseres leisten?“

Bär: „Dä Freud hätt met nem Patienten en Raucher-Entwöhnungstherapie jemaht. Mit Erfolg, wie man sieht: dä geheilte Patient hätt anschließend sing Zigarren freudestahlend beim Sigmund Freud op dä Couch liege losse un zo däm jesaht, die bruch ich jetz nit mieh. Un dann hätt dä Freud überlegt: wat mähste jetz met de Zigarre vun däm jeheilten Patient? Am besten selver rooche…“

 

bär aktuell nr. 167 – 22. März 2014

Ein gar wunderlicher Geselle ist Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, der sich dazu verstieg, dem als Steuerbetrüger verurteilten Uli Hoeneß hinterher zu rufen, der liebe Gott liebe auch Steuersünder, als ob ausgerechnet dieser Hinweis für Hoeneß vor seinem bevorstehenden Haftantritt tröstlicher sei als ein donnerndes Kanzelwort, das ihm ewige Verdammnis angedroht hätte. Wobei in diesem Zusammenhang zur Bigotterie des Schweizer Bankwesens anzumerken wäre, dass bei den Calvinisten Geldscheffeln als gottgefälliges Werk gilt.

Wenn die Darbietung kölschen Liedgutes nicht allzu kölschtümelig geraten soll und man sich bemüht, einem kölschen Liederabend einen multikulturellen Anstrich zu geben, dann entlehnt man dann auch schon mal einen Programmpunkt dem Mainzer Karneval. So kündigte ein Conferencier bei einem Mitsingabend an, es werde nun als nächstes das Lied „Humba Humba täterä“ gesungen, und für den bildungsbeflissenen Teil des Publikums schob der Moderator die musikhistorische Information nach, dass dieser Gassenhauer im Mainzer Karneval erstmals 1964 von Ernst Neger intoniert wurde. Aber er nannte diesen Interpreten zunächst nicht bei seinem richtigen Namen, sondern nahm die Gelegenheit zu einem selbstironischen Witz über manche Verstiegenheiten im Bemühen um politische Korrektheit wahr, indem er behauptete: „Mit diesem Lied wurde 1964 Ernst Schwarzer bundesweit bekannt“. „Ernst Schwarzer“ hört sich zwar auf den ersten Blick politisch korrekter an als „Ernst Neger“, doch bei dem Namen „Schwarzer“ denkt man heut zu Tage sofort an Alice Schwarzer und ihr Schwarzgeld in der Schweiz, weshalb der Conferencier seine Ansage auch schnell korrigierte: „Mit richtigem Namen heißt der Mann Ernst Neger“.

Als zeitgemäße Hymne der ertappten Steuersünder und zockersüchtigen Börsenspekulanten hätte man auf jenem Mitsingabend auch das Trinklied intonieren können: „Hätten wir lieber das Geld vergraben, was wir alles vertrunken haben…“.

Das wiederum denkt sich jetzt vielleicht auch Madeleine Schickedanz, die als Zeugin im Oppenheim-Prozess darüber befragt wurde, wieso sie ihrem Vermögensverwalter, dem Fonds-Entwickler Josef Esch, so blind vertraut habe, und dann zur Antwort gab, Esch habe zu ihr gesagt: „Du hast mich mit Haut und Haaren, solange du den Josef hast, passiert dir nichts!“ Mit solchen Sprüchen kann man in Milliardärskreisen erfolgreich Finanzgeschäfte tätigen? Unglaublich!

So sei zum Abschluss dieses Themas der Texter und Komponist Franz-Martin Willizil zitiert, von dem die schöne Liedzeile stammt: „Leever ärm un jlöcklich – als rich un beklopp!!“ Das Lied eignet sich auf einem kölschen Mitsing-Abend gewiss als Alternative zu „Humba humba tätera“, wenn man vermeiden will, dass bei der Nennung des Interpreten „Ernst Neger“ aka „Ernst Schwarzer“ jeder sofort an Schwarzgeld denkt.                                 

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