bär aktuell nr. 156 – 22. Juni 2013

Juni 12th, 2013

Bär polyglott – Unterwegs mit Herrn Bär Mit typisch österreichischem Charme warb man unlängst in der Wiener U-Bahn für den Weltnichtrauchertag: „Rauchen könnte Ihr Geldbörserl schädigen“. Wer wollte das jemals bezweifeln?
Mit Sicherheit ist Uli Hoeneß in der langen Geschichte der deutschen Steuerhinterzieher der erste, der sich rühmen darf, dass ihm sowohl der Bundespräsident als auch die Bundeskanzlerin die Hand gedrückt haben, und dies zu einem Zeitpunkt, da seine unrechtmäßige Steuervermeidung medial schon längst keine „mutmaßliche“ mehr war, da Hoeneß nämlich geständig war und via Boulevardpresse um Vergebung bat mit der etwas fatal wirkenden Selbsteinschätzung, er hielte sich nicht für einen „schlechten Menschen“. Der präsidiale Händedruck und ebenso jener der Kanzlerin galt aber nicht als Gratulation heimlichen Transfer von Millionen Euro in die Schweiz durch den vermeintlichen Gutmenschen Hoeneß, sondern vielmehr und ausschließlich ihm in seiner Eigenschaft als Präsidenten des Fußballvereins FC Bayern München und dessen diesjährigen Meisterschafts- und Pokalgewinnen. Wenn diese Händedruck-Fotos nun fortan ohne jegliche Bildunterschrift durchs Internet kursieren und dann eines fernen Tages von einer ahnungslosen „User“-Generation angeschaut werden, die nichts mehr über die durchaus auch vorhandenen dunklen Seiten des Uli Hoeneß weiß, dann muss wieder einmal der wackere Guido Knopp in „ZDF-History“ die Geschichte erzählen, die hinter solchen Bildern steckt. In der „ZDF-History“-Sendung zum Stichwort „Gefallene Engel“ tauchten z.B. neben dem Dopingsünder Lance Armstrong, dem Doktorandendarsteller Karl-Theodor zu Guttenberg und den Wulffs auch der Erotomane Dominique Strauss-Kahn auf. Zu Wort kam zwischendurch ein „Eliteforscher“, der dem Publikum erklärte, wieso wir gerade immer dann eine diebische Schadenfreude empfinden, wenn echte und triviale Helden sich selbst demontieren und ganz tief ins gesellschaftliche Abseits hinab stürzen. Mit Uli Hoeneß ließe sich diese „Gefallene Engel“-Sendung also trefflich fortsetzen, und vielleicht kommt dann in dieser Sendung auch noch die Düsseldorfer Punk-Combo „Die toten Hosen“ zu Wort, die derzeit bei ihren Bühnenauftritten Lacher einheimst mit der Pointe, der FC Bayern habe Uli Hoein die JVA München transferiert.
Der Scheich ist reich Während es in Deutschland verpönt ist, über seine Einkünfte zu reden, beschwerte sich hingegen ein saudischer Scheich, es sei eine Unverschämtheit, ihn auf der „Forbes“-Liste der reichsten Männer der Welt nur auf Platz 26 zu notieren, denn er habe in Wirklichkeit noch 20 Millionen mehr auf dem Konto und verdiene daher eine höhere Platzierung. Eine völlig andere Form von Vermögens-Outing bezeichnet man derweil in den deutschen Finanzämtern als „Hoeneß-Effekt“, denn allein in NRW hätten nach dem öffentlichen Hoeneß-Geständnis weitere 8.000 Steuersünder Selbstanzeige erstattet. Vielleicht werden sie dann von den Steuermehreinnahmen mehr Computer für die Verfassungsschützer anschaffen: denn während die CIA durch die Enthüllungen ihres EX-Agenten Edward Snowdon Schlagzeilen machte, ihre Auslandsabteilung NSA schöpfe mittels Internetspionage munter die Surfgewohnheiten der Nutzer von Google, Facebook etc. ab, gebärdet sich in Deutschland der Überwachungsstaat bislang noch reichlich dilettantisch, da nämlich jeder dritte Verfassungsschutzbeamte offline ist, weil es ihnen ganz einfach an Dienst-PCs mangelt. Wahrscheinlich fehlt den Schlapphüten das Geld für eine vernünftige PC-Ausrüstung, weil sie selbiges schon längst zur Finanzierung von dubiosen V-Leuten im rechtsextremen Milieu verbraten haben. Herr Bär graust sich allerdings vor der Vorstellung, die US-Methoden der Internetspionage könnten in Zukunft auch bei deutschen Verfassungsschutzämtern Einzug halten, weil diese sich dann womöglich kaum darauf beschränken dürften, nur solche Nutzer auszuspionieren, die sich bei ebay einen Chemiebaukasten ersteigern und mit Vornamen „Ali“ heißen. Mit dem Argument der Terrorismusabwehr hat man bislang noch jeden Unsinn an polizeilichem und nachrichtendienstlichem Übereifer zu rechtfertigen versucht, das war in der Zeit der RAF-Hysterie in den 1970er Jahren nicht anders als heute. Wie man in den Medien solch eine Hysterie manipulierend schüren kann, bewies in völliger Verkennung der Brisanz in Sachen bürgerlicher Grundrechte wieder einmal der BILD-Kolumnist Franz-Josef Wagner mit seiner hanebüchenen Feststellung, er wäre lieber überwacht als tot.
Bürger beobachten Peer Steinbrück Der BILD-Zeitung verdanken wir ansonsten so schöne Schlagzeilen wie „Hat Genscher neue Ohren?“, „Thomas Gottschalk beleidigt den deutschen Schäferhund“ und „Die Honecker-Bande handelte mit Kokain“ (1989), oder auch mit nationalistischem Unterton die reichlich alberne Headline „Wir sind Papst“ (2005). Jetzt kann man frohlocken, dass auch der Bundestagswahlkampf so richtig ins Boulevardesk-Seichte abgleitet, da nämlich Peer Steinbrück sich ausgerechnet den ehemaligen BILD-Redakteur Rolf Kleine als neuen Sprecher zugelegt hat. Vielleicht recycelt der dann die alten „BILD“-Stilblüten zu „Hat Steinbrück neue Ohren?“ oder „Wir sind Steinbrück“, und auf den legendären deutschen Sozialhilfeempfänger in Miami Beach, der von der BILD-Zeitung als „Florida-Rolf“ tituliert wurde, folgt nun eine Wahlkampfzeitung mit einer Homestory über „Pannen-Peer“. Eine erneute und mittlerweile schon klassische Peer-Panne ist Rolf Kleines Berufung sicherlich, wirkte dieser doch zuletzt als Lobbyist für einen als heuschreckenhaft verrufenen Wohnungskonzern und als missratener Witzbold, der sich auf seinem Facebook-Profil eine „alltagsrassistisch“-geschmacklose Anspielung auf Philipp Röslers vietnamesische Wurzeln leistete.

© Raap/Bär 2013

bär aktuell nr. 155 und bild des monats juni 2013

Juni 3rd, 2013

Ein rabiater Fahrschüler war schon zweimal durch die Prüfung gefallen. Laut Boulevardpresse rammte er bei der dritten Fahrschulprüfung ein Taxi, bedrohte anschließend den Taxifahrer und verprügelte auch noch seinen Fahrlehrer. Bevor er zum vierten Mal zur Fahrprüfung antreten darf, muss er erst einmal einen medizinisch-psychologischen Eignungstest machen, ob er „charakterlich“ überhaupt zum Führen eines Kraftfahrzeugs geeignet ist. In diesem Zusammenhang sei ein Zitat des Bundesverkehrsministers Peter Ramsauer (CSU) erwähnt, der einmal von sich behauptete: „Früher war ich eher ein Wilder, heute fahre ich risikobewusster“. Nachdem man sich diese Pointe ein paar Augenblicke lang auf der Zunge zergehen ließ, folgt nun korrekterweise die Auflösung, Ramsauer hätte damit keineswegs seinen Fahrstil als Autofahrer gemeint, sondern seine Abfahrtsläufe auf der Skipiste.

Bürger beobachten Peer Steinbrück und Der Vetter aus Dingsda Während die Liberalen für die Schlagzeile sorgten, der Vetter von Dirk Niebel sei von der FDP zur Anti-Euro-Partei übergelaufen, war dem Leserbrief eines gewissen Leo Unger an focusonline zu entnehmen, er hielte Peer Steinbrück für einen „Wendehals par excellence“, weil dieser nach einem möglichen Wahlsieg das Betreuungsgeld wieder abschaffen will, dessen Einführung er einst als Minister der Großen Koalition selbst mit beschlossen hatte. Bei den unbeholfenen Versuchen, ausgerechnet Peer Steinbrück nunmehr als links gewendeten Politiker zu verkaufen, kann man sich allerdings tatsächlich genauso verarscht vorkommen wie bei der Lektüre der Renditeprognosen in Prospekten für geschlossene Immobilienfonds. Mit einer gewissen Wachheit postete daher der Leser „Wandtbewohner“ an die Online-Redaktion des „Spiegel“, Steinbrück sei in Wirklichkeit „eine Marionette der Finanzwirtschaft“, was auch Herr Bär für nicht ganz falsch hält. Dem Kölner Boulevardblatt „Express“ war übrigens neulich zu entnehmen, dass ein Star-Büttenredner im Kölner Karneval für einen 20minütigen Auftritt eine Gage von 1.500 Euro verlangen kann. Hm, hm, wer will sich dann noch für ein Honorar von 15.000 Euro eine Rede von Peer Steinbrück anhören mit ein paar langweiligen selbstironischen Gags, die ihm sein Redenschreiber ins Manuskript diktiert hat? Der Preis für eine Flasche Wein auf einer Karnevalssitzung hat allerdings durchaus Steinbrück-Niveau, aber sehr viel billiger ist wahrscheinlich auch nicht ein unterhaltsamer Abend mit dem abtrünnigen Vetter von Dirk Niebel, wird doch die Anti-Euro-Partei im „Spiegel“ als „obskure Akademiker- und Millionärepartei“ apostrophiert. Das ist die FDP eigentlich auch, weshalb sich Herr Bär nun fragt, warum Niebels Vetter von dort stiften gegangen ist, desgleichen fragt sich das Dirk Niebel, der sich jetzt wahrscheinlich über seine puckelige Verwandtschaft grämt. In diesem Zusammenhang sei Eduard Prinz von Anhalt zitiert, der einst via Zeitungsinterview die Warnung kundtat, „wer immer sich in Zukunft den Titel eines von Anhalt durch Adoption erkauft oder ergaunert, wird damit weder etwas erben noch werde ich seine Rechnungen bezahlen“. Nun hat Dirk Niebel immerhin 30 Cousins in seiner Verwandtschaft, und obwohl das wahrscheinlich alles echte Niebels von Geburt und Geblüt an und keineswegs schnöde Adoptivlinge sind, müssen auch sie sicherlich alle ihre Rechnungen selber bezahlen, was ihnen gewiss nicht schwerfällt, sofern sie einer „obskuren Millionärepartei“ (vulgo: FDP) angehören.

Auffällig war übrigens bei den Fernsehberichten zum 150jährigen Jubiläum der SPD, dass man bei diesem Anlass Peer Steinbrück vor den Kameras versteckte, wohl wissend, dass er kaum mit solch charismatischen Persönlichkeiten wie August Bebel, Friedrich Ebert, Otto Wels, Kurt Schumacher und Willy Brandt mithalten kann, und so blieb es dem Festredner Sigmar Gabriel vorbehalten, den Jubiläumsgast Angela Merkel fälschlich mit dem Titel „Frau Bundespräsident“ zu begrüßen, und Herr Bär ahnte in diesem Momnent, weshalb der gut genährte Bonvivant aus dem Harz als möglicher Kanzlerkandidat der SPD schon sehr früh aus dem Rennen war und – da Frank-Walter Steinmeier verzichtete – Peer Steinbrück dann selbiges machte.

© Raap/Bär 2013

Bitte beachten Sie folgende Veranstaltungshinweise:

Montag, 17. Juni 2013, 19.30 Uhr:

Vernissage zur Ausstellung „Blaue Blume & Blue Ray“ im Technologiepark Bergisch Gladbach, Friedrich-Ebert-Str. (A4 Richtung Olpe, Abfahrt 20 „Kürten-Herkenrath-Moitzfeld“)

Gruppenausstellung, u.a. mit Bildern von Jürgen Raap/Herrn Bär

 

Bild des Monats Juni 2013:

„Herr Bär, ist das da auf der Kirmes-Geisterbahn nicht der zechende Maler Rembrandt?“

Bär: „Enä. Dat is dä malende Zecher Rambrandt. Dat sieht man doch“.

„Und was malt der so?“

Bär: „Im Moment nix. Dä is ja jrad op dä Jeisterbahn am Zechen. Dä Rembrandt is nit so ne Multi-Tasking-Typ, dä mäht nie zwei Sachen gleichzeitig!“

 Karl-Josef Bär / Jürgen Raap „Johnnys Night Club“, 2013OLYMPUS DIGITAL CAMERA

Bild des Monats Mai 2013

Mai 6th, 2013

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„Herr Bär, Sie wollen dieses Bild während einer Performance der Gruppe „Fehltwas?“ zu Ende malen?

Bär: „Jojo, mer treten do zum Europafest in Würzburg an der Mosel op.“

„Aber Herr Bär, Würzburg liegt doch nicht an der Mosel, sondern am Main!“

Bär: „Jo? Ehrlich?… Na ja, so groß is dä Unterschied ja nit. Et fängt ja beides mit „M“ an. Da kann man schon mal die Mosel met däm Main verwechseln“.

„Wann und wo ist denn der Auftritt?“

Bär: „Im Plastischen Theater Hobbit en dä Münzstraße. Am Donnerstag, 9. Mai um 20 Uhr“.

Copyright: Karl-Josef Bär / Jürgen Raap „Würzburger Polka“, noch unvollendet, 2013

 

bär aktuell nr. 154 – 3. Mai 2013

Mai 1st, 2013

Als der Komiker Oliver Pocher sich von Gattin Allessandra trennte, besann sich Boris Becker darauf, dass Schwaadlappigkeit wohl eher eine Untugend ist und twitterte in den Orkus: „Ich habe von der Pochertrennung schon vor einiger Zeit erfahren und halte einfach meine Klappe dazu“. Herr Bär zollte Boris Becker daraufhin Respekt.
Die Nigeria-Connection nahm sich Herrn Bärs Sprachkritik zu Herzen, denn der nächste Versuch, per e-mail Herrn Bär in einen Internetbetrug zu verwickeln, wurde in mittlerweile fehlerfreiem Deutsch unternommen. In der e-mail hieß es, ein Minister aus Südafrika wolle 1,8 Mill. Euro außer Landes schaffen und benötige dazu Herrn Bär Konto. Äusserste Diskretion sei geboten, denn es würde einen Riesen-Skandal geben, wenn das heraus käme, und der Minister würde Herrn Bär für seine Diskretion fürstlich belohnen. Hm, hm, da ist die Nigeria-Connection wohl nicht ganz auf der Höhe der Zeit. Glaubhafter hätte nämlich die Schilderung geklungen, ein bayerischer Wurstfabrikant und Fußballpräsident wolle 20 Mill. Euro in die Schweiz schaffen, und wenn das heraus käme, gäbe es einen Riesen-Skandal. Wobei die Boulevardpresse mit ihrer heuchlerischen Schlagzeile „Auch du, Uli?“ so tat, als ob Uli Hoeneß jemals eine moralische Instanz in diesem Lande gewesen wäre. Aber außerhalb der Welt des FC Bayern München hat man Hoeneß nie für eine solche gehalten, und der Trainer Christoph Daum, der wegen seines Kokain-Konsums seinerzeit von Hoeneß verpetzt wurde, erklärte , er empfände keine Genugtuung, dass Hoeneß nun „durch die Hölle“ ginge.  Als Meister der unpassenden Bemerkungen erwies sich wieder mal Rainer Brüderle, der in zeitlichem Zusammenhang mit dem Hoeneß-Skandal den Ankauf von Steuer-CDs als „Daten-Hehlerei“ geißelte und damit die FDP in den Verdacht geraten ließ, sie sei eine Lobbypartei der Steuerhinterzieher.
Bürger beobachten Peer Steinbrück Pannen-Peer glaubte schon, mit seinem markigen Ausspruch „Mehr wir, weniger ich“ endlich zum „Steinbrück der Herzen“ mutiert zu sein. Doch dann vermasselten sie in seinem Wahlkampfteam wieder alles. Da nämlich die SMS-Generation zum Abfassen längerer Texte zu unfähig ist, verkürzte irgendein voreiliger irrer Geselle den Spruch flugs zu „Das Wir entscheidet“: immerhin ein Wort weniger.
Jener Slogan wiederum erwies sich aber ausgerechnet als von einer Leiharbeiterfirma schamlos abgekupfert, und da der Ruf dieser Sklavenhändler-Branche bekanntlich nicht der beste ist, wandelten Satiriker das Motto bereits zu „Die Gier entscheidet“ ab oder schlugen als Alternative vor: „SPD – nichts ist unmöglich“. Der Linken-Chef Bernd Riexinger kommentierte süffisant: „Ehe Steinbrück Kanzler wird, fällt der Mond auf die Erde“. Auch der Göttinger Politologe Franz Walter sieht jenen Politiker-Typus, den Steinbrück „mit großen Sprüchen und kantigem Kinn“ verkörpert, als Auslaufmodell: derlei Alphatier-Allüren hätten in den vergangenen Jahren „kulturell erheblich verloren“. Besonders gut belegen lässt sich das an Hartmut Mehdorn, der abgesehen von seinen Alphatier-Allüren als so eine Art Lothar Matthäus unter den Managern gilt – man ruft ihn immer dann, wenn man keinen besseren findet. Eher fällt der Mond wohl auch auf die Erde, als dass der Flughafen Berlin-Brandenburg unter Mehdorns Regie zügig fertig wird.
Bevor nun die Union auf die Idee kommt, mit dem ebenfalls geklauten Slogan „Alles Merkel oder was“ zu kontern, gab der Malerfürst Markus Lüpertz zu bedenken, Frau Merkel habe einen schlechten Schneider. Das mag wohl sein, aber ob Angela Merkel eine bessere Politik machen würde, wenn sie so modisch extravagant wie Cindy aus Marzahn gewandet wäre, mag dahin gestellt sein.
© Raap/Bär 2013

Bitte beachten Sie folgende Veranstaltungshinweise:

Performance FehltWas?“
im Rahmen des Festivalprogramms „40 Jahre Europastadt Würzburg“
Donnerstag, 9. Mai 2013, 20 Uhr
Plastisches Theater Hobbit, Würzburg,Münzstr. 1,
Mitwirkende: Performance-Gruppe „FehltWas?“, Köln:
Sigrid Balk, Siglinde Kallnbach, Jürgen Raap, Heidi Reichert
40 Jahre/4 Sequenzen: Eine performative Zeitreise durch die Geschichte Europas.

art container 1 – im Art Club Köln, Melchior Str. 13
Freitag 31. Mai 2013 – Samstag 1. Juni 2013 – Sonntag 2. Juni 2013 jeweils ab 17 Uhr
Performance – Lesung- Kabarett
am Sonntag 2. Juni 2013 mit einem Auftritt von Karl-Josef Bär!

bär aktuell nr. 153 – 22. Apr. 2013

April 12th, 2013

Oh, du lieber Augustin, alles ist hin Christian Wulff mag sich in diesen Tagen fühlen wie der Wiener Bänkelsänger Markus Augustin in Dietzenschmids Volkskomödie. „Spiegelonline“ warnt angesichts eines möglicherweise anstehenden Korruptionsprozesses gegen den Ex-Bundespräsidenten vor einer „Show Justiz“ – die mediale Hinrichtung Wullfs ist allerdings schon früher längst erfolgt, nicht zuletzt wegen Wulffs eigener Ungeschicklichkeit mit Drohanruf bei der BILD-Zeitung etc., und nicht zuletzt auch unter der späteren publizistischen Mitwirkung von Noch-Gattin Bettina. Noch muss das Landgericht Hannover entscheiden, ob es die Anklage wegen Bestechlichkeit überhaupt zulässt, weil die Wulffs beim Besuch des Münchener Oktoberfestes sich vom Filmproduzenten Groenewold teilweise aushalten gelassen haben sollen. Nun darf z.B. in Köln ein städtischer Museumsführer keinerlei Trinkgeld annehmen, und wo einst die Müllmänner ein „Neujährchen“ erheischten (d.h. eine kleine Zuwendung zur Entbietung des Neujahrsgrußes an der Haustür), ist auch diese Sitte per Dienstanweisung längst abgeschafft worden. Wenn also der demokratische Grundsatz der Gleichheit aller vor dem Gesetz weiterhin eine Säule unserer Rechtskultur sein soll, kann man nun mal einem Ministerpräsidenten nicht durchgehen lassen, was schon mit weitaus geringeren Summen an Zuwendung oder Vergünstigung den Müllmann um seinen Job bringen würde. Die Mitleids-Heuchelei, die sich medial jetzt genauso über Christian Wulff ergießt wie vor einem Jahr der Shitstorm der Entrüstung von Journalisten und Internet-Bloggern, wirkt in höchstem Maße bigott – sie ist die Kehrseite jener typisch deutschen Rigorosität, mit der man in anderen Fällen auch Leute anprangert, die ihren Müll nicht richtig trennen.
Vom Billigwein zum Eierlikör Großes Gefeixe bei der Initiative Bürger beobachten Peer Steinbrück. Er mutiert nämlich immer mehr zum Verlegenheitskandidaten der SPD, denn der Problem-Peer vergeigt immer noch so ziemlich alles, was man als Spitzenkandidat einer Bundestagswahl eigentlich nur falsch machen kann. Unvergessen ist sein eher läppscher Versuch, durch die deutschen Wohnzimmer zu tingeln und dort das Gespräch mit den Bürgern zu suchen: „Wenn mir Eierlikör angeboten wird, trinke ich einen mit“, hatte Steinbrück vollmundig versprochen. Doch das erste dieser Gespräche fand dann ausgerechnet bei den Eltern einer niedersächsischen SPD-Genossin statt, mithin als „Heimspiel“, und als die Gastgeber auch noch bekundeten „Wir haben extra Eierlikör für Peer Steinbrück gekauft“, kam der Verdacht einer bloß eigens für die Medien inszenierten Veranstaltung auf, die seitdem als „Eierlikörgate“ durch die Gazetten geistert. Dieselbe Familie war nämlich bereits 2009 vom SPD-Funktionär Hubertus Heil für eine ähnliche Aktion besucht worden. Und obwohl die Schulpolitik und mithin ebenso der Schulsport eigentlich Ländersache sind und nicht zur Richtlinienkompetenz des Bundeskanzlers gehören, schwadronierte Steinbrück drauflos, man möge den Turnunterricht an Schulen für Jungen und Mädchen künftig getrennt abhalten: mit dem Eindruck, er knicke vor den prüden Ansichten islamistischer Hardliner ein, gewinnt Steinbrück gewiss keine Wählerstimmen. Selbst Steinbrücks SPD-Parteifreund Heinz Buschkowsky, sonst ebenfalls ein Freund von Worten im Klartext, hält dies für „eine sehr unglückliche Äusserung“ und mahnte stattdessen: „Junge Leute brauchen gesellschaftliche Orientierung“. Ein Schuss in den Ofen war Steinbrücks Vorschlag insofern, weil die Kultusministerkonferenz der Länder schon 1985 beschlossen hat, ab Klasse 5 den Sportunterricht „für Jungen und Mädchen getrennt zu erteilen“ – aus pädagogischer Berücksichtigung der Pubertätsprobleme. Nach all den PR-Desastern funktionierte schließlich auch der alte Trick der Polit-Profis, von Schwierigkeiten im Inneren mit glanzvollen Auslandsbesuchen abzulenken, nicht mehr: als Peer Steinbrück in Paris dem französischen Präsidenten François Hollande seine Aufwartung machte, titelte das Polit-Magazin „Cicero“: „Fettnapf-Kandidat trifft Affären-Präsident“. Kommunikationsforscher sind sich einig: bis zur Bundestagswahl im September 2013 könne keine noch so ausgeklügelte PR-Strategie das Negativ-Image des Spitzenkandidaten korrigieren. Jetzt helfe nur noch das Prinzip „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert“. Im SPD-Wahlkampfteam möge man daher darauf vertrauen, dass das Publikum der dauernden Fehltritte von Pannen-Peer allmählich überdrüssig sei und nicht mehr großartig auf weitere Flops achte. Nur die Initiative Bürger beobachten Peer Steinbrück wartet auf die nächste Gelegenheit, sich erneut über den Kandidaten zu beömmeln.
P.S. Das Kultgetränk der 1950er Jahre war ein Cocktail namens „Blonder Engel“. Er bestand zu gleichen Teilen aus Eierlikör und Limonade und wurde später gerne auf FDP-Parteitagen konsumiert, wenn der Champagner ausgegangen war. © Raap/Bär 2013

 

Bitte beachten Sie folgenden Veranstaltungshinweis:
Performance FehltWas?“

im Rahmen des Festivalprogramms „40 Jahre Europastadt Würzburg

Donnerstag, 19. Mai 2013, 20 Uhr, Plastisches Theater Hobbit, Münzstr. 1, Würzburg

Mitwirkende: Performance-Gruppe „FehltWas?“, Köln:

Sigrid Balk, Siglinde Kallnbach, Jürgen Raap, Heidi Reichert

– 40 Jahre/4 Sequenzen: Eine performative Zeitreise durch die Geschichte Europas.

bär aktuell nr. 152 – 1. April 2013 – Bild des Monats

April 1st, 2013

memling

 

BILD DES MONATS

„Herr Bär, Sie haben ein Bühnenbild für eine Operette entworfen?“
Bär: „Jojo, ävver eijentlich is dat eher eine Schmonzette. Die hatte dä Komponist Rainer Brüderle damals unter dem Titel ‚Wein, Weib un Jesang‘ erausjebracht un dann war dat Stück jahrzehntelang verschollen. Keiner wollte dat mehr hören. Dat wär alles zu altbacken, zu bräsig, zu sehr auf Altherrenwitzniveau, han se jesaht. Ävver jetz hätt en Journalistin us Hamburg die Partitur wieder entdeckt.“
„Un man hat für die Wiederaufführung dieser Operette einen neuen Titel gegeben?“
Bär: „Mer säht jetzt dazu, dat wör en Musical. Dat klingt zeitjemäßer.. Dä neue Titel ‚Rhein, Wein und Mägdelein“ soll sich ja auch wat moderner anhören. Ävver ich weiß et nit… dat klingt eher nach altem Wein in neuen Schläuchen…“
„Nun ja, den Rhein sieht man links im Bild, Mägdelein sind auch dabei, aber wo ist der Wein?“
Bär: „Den hätt dä Kamelleoffizier rechts im Bild schon ausjetrunken.“

Karl-Josef Bär / Jürgen Raap, „Hommage à Hans Memling“, 2013

 

Bär aktuell Nr. 152 – 1. April 2013

Pecunia non olet . Während Peer Steinbrück anlässlich der zypriotischen Finanzkrise diesmal nicht das Anrücken der Kavallerie androhte wie einst den alpenländischen Steueroasen, sondern beharrlich schwieg, und man bei der Initiative Bürger beobachten Peer Steinbrück nicht recht wusste, ob das Schweigen von Peer Steinbrück wohltuend war oder nicht, blieb es stattdessen seinem Parteifreund Sigmar Gabriel vorbehalten, vor laufenden Kameras den Lobbyisten für die zypriotischen Kleinsparer zu geben. Als die Bedingungen für eine teilweise Rettung des zypriotischen Bankwesens schließlich ausgehandelt waren, grollte ausgerechnet der luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker über die medialen Begleiterscheinungen der Krisenbewältigung, er sei entsetzt über so viele Ressentiments in Europa, als ob man gegenüber russischen Oligarchen und der mutmaßlich häufig zweifelhaften Herkunft ihrer Einkünfte keine Ressentiments hegen dürfte. Dazu muss man wissen, dass Juncker als Premier der politische Vorsteher eines ebenfalls als Steueroase operierenden Kleinstaates ist, und da im nördlichen Europa somit nicht nur gegenüber der sprichwörtlichen levantinischen Laxheit der zypriotischen Bankenaufsicht Ressentiments angebracht sind, sei der politischen Korrektheit halber darauf hingewiesen, dass die fiskalpolitische Levante eigentlich schon an der Mosel anfängt, nämlich am luxemburgischen Grenzübergang Wasserbillig.
An den Autokennzeichen der dort vor den Banken parkenden Nobelkarossen lässt sich empirisch belegen, dass in Luxembourg russische Mafiosi als Bank-Kunden deutlich in der Minderheit sind gegenüber wohlbetuchten deutschen Steuersparern. Die calvinistische Bigotterie, die Steinbrück mit seinem geflügelten Wort vom angedrohten Kavallerie-Einsatz explizit dem alpenländischen Bankenwesen unterstellt, hat aber wohl von Hongkong bis zur Wall Street die gesamte Geldbranche erfasst. Zwar muss bei einer deutschen Bankfiliale jeder Schatzmeister eines Kaninchenzüchtervereins bekunden, er halte sich bei der Verwaltung des Vereinsvermögens streng an die Bestimmungen des Geldwäschegesetzes, aber ansonsten gilt im Kredit- und Investmentgewerbe global der vespasianische Grundsatz „Pecunia non olet – Geld stinkt nicht“. Oder um es mit Bert Brecht auszudrücken: Erst kommt das Fressen, dann die Moral.
Wobei dann oftmals mafiöse Oligarchen, Waffenschieber und ähnlich zwielichtige Zeitgenossen die Sättigungsbeilage liefern, und da man bei der Tiefkühl-Lasagne im Supermarkt ja auch nicht so genau wissen will, welcher Schindmähre man in irgendeinem verdreckten Schlachthof weit weg in Osteuropa den Fleischanteil für die Lasagnefüllung aus dem Kadaver geschnitten hat, fragt man an einem zypriotischen Bankschalter bei der Kontoeröffnung auch nicht nach, wo der Oligarch denn nun seine Kohle her hat, wobei man dann wahrscheinlich ohnehin keineswegs die ehrliche Antwort bekäme, er handele mit Tiefkühl-Lasage, deren Pferdefleischanteil man falsch etikettiert habe.
Von Jean-Claude Juncker ist übrigens auch ein geflügeltes Wort überliefert, nämlich, wenn es hart auf hart käme, müsse man als Politiker auch mal lügen dürfen.
Bliebe noch nachzutragen, dass in Köln kürzlich ein junger Mann als Serienbetrüger vor Gericht stand. Der Richter sagte zu ihm kopfschüttelnd, er könne nicht verstehen, dass der junge Mann so sehr auf die schiefe Bahn geraten sei, er stamme doch aus gutem Hause, er sei gebildet, habe gute Manieren… Wobei der Angeklagte zum Antrieb für seine kriminelle Energie erklärte, er sei als Kind zu sehr verwöhnt worden…
© Raap/Bär 2013

bär aktuell nr. 151 – 22. März 2013

März 1st, 2013

Bär-Blog statt Peer-Blog.

Der Komiker Atze Schröder war noch nie ein Meister des feinsinnigen Humors. Fritz Wepper wiederum musste sich jahrzehntelang verhöhnen lassen, seine schauspielerische Glanzleistung habe in jener Szene gegipfelt, in der „Inspektor Derrick“ zu seinem Assistenten, gespielt von Wepper, sagt: „Harry, hol schon mal den Wagen“. Ein Satz, der übrigens tatsächlich in keiner einzigen Szene der Krimi-Serie so fiel. Jetzt ließ Wepper dem Komiker Schröder gerichtlich untersagen, ihn als „abstoßenden, gehbehinderten impotenten alten Lustgreis“ hinzustellen, der zum Küssen das Gebiss herausnähme, wie es in der Klageschrift formuliert ist. Dass der Unterhaltungskünstler, der in der Kunstfigur „Atze Schröder“ auftritt, selbst nicht immer Spaß versteht, wenn es um seine Person geht, kann im Blog von Arne Klempert nachgelesen werden, der dort unter http //: recentchanges.de berichtet, er habe als Geschäftsführer von Wikimedia Deutschland von einem Anwalt eine Abmahnung erhalten, es sei „zu unterlassen“, auf den „bürgerlichen Namen“ des Atze-Schröder-Darstellers „hinzuweisen“. Das Berliner Landgericht urteilte 2007 im Prozess gegen einen Zeitungsverlag, der Schauspieler habe ein „berechtigtes Interesse an der Wahrung seiner Anonymität außerhalb seines beruflichen Wirkens“. Das wiederum ist für Herrn Bär durchaus nachvollziehbar, denn wer solche Witze macht, will gewiss nicht hinterher auf der Straße erkannt werden. Vor allem dann nicht, wenn ihm der wütende Fritz Wepper entgegen kommt.

Nachdem Rainer Brüderle eine breite Sexismus-Debatte ausgelöst hatte, beschwerte sich ausgerechnet sein FDP-Freund Dirk Niebel, niemand beklage, dass auch Männer Opfer sexistischer Attacken seien, was sich im Falle des Atze Schröder versus Fritz Wepper-Konflikts zumindest auf der verbalen Ebene bewahrheitet hat, wobei darüber hinaus allerdings nicht nur für Herrn Bär allerdings schwer vorstellbar ist, dass ausgerechnet Dirk Niebel schon mal jene haptischen Annäherungsversuche ertragen musste, die man im Rheinland als „Föttchesföhlerei“ (Gesäßbefühlerei) bezeichnet. Herr Bär ist gespannt, ob sich „Atze Schröder“ demnächst auch an Rainer Brüderle oder Dirk Niebel humoristisch abarbeitet.

Vielleicht verschafft jenes unbedarfte Publikum, das der prollig daher kommende Atze Schröder-Darsteller bei seinen Auftritten lauthals „Fritz Wepper, Ihhhh!“ ausrufen lässt, ihm auch einmal 25 Prozent Stimmenanteil bei einer Bundestagswahl, so wie sein italienischer Berufskollege, der Komiker Beppo Grillo, mit ähnlich aggressivem Humor bei den jüngsten Wahlen ein Viertel der Stimmen für sich reklamieren konnte. In diesem Zusammenhang kann die Initiative „Bürger beobachten Peer Steinbrück“ berichten, dieser habe Beppo Grillo und Silvio Berlusconi als „zwei Clowns“ bezeichnet, womit Peer Steinbrück in der Sache zwar durchaus recht hat, was aber auf diplomatischem Parkett als erneuter Tritt ins Fettnäpfchen empfunden wurde, weshalb der italienische Präsident Giorgio Napolitano ein Essen mit Peer Steinbrück kurzerhand absagte. Vielleicht sollte man dem Kanzlerkandidaten mal schonend beibringen, dass das Leben kein permanenter politischer Aschermittwoch mit verbalem Bierzelt-Geholze ist.

Bliebe noch von einem anderen Greis zu berichten, nämlich einem 82jährigen Autofahrer, bei dem ein Alkoholtest auf der Polizeiwache stolze 1,8 Promille ergab. Woraufhin der nach soviel Alkoholgenuss durchaus noch wache Greis die verdutzten Polizisten bat, ihn nach Hause zu fahren, denn er selbst hätte ja jetzt keinen Führerschein mehr.                                                                                                                   © Raap/Bär 2013

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Beachten Sie bitte folgende Veranstaltungshinweise:

Vernissage zur Ausstellung „Golgatha“: Karsamstag, 30. März 2013, 19 Uhr

Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK Köln, Stapelhaus, Frankenwerft 35

Mit Arbeiten von Roswitha Heckmann, Eva Ohlow, Siglinde Kallnbach, Lisa Cieslik,Verena Bretschneider, Kálmán Várady, Reinhard Henning, Michael Hooymann, Werner Neumann, Jürgen Raap, Heinz Zolper, Theo Lambertin, Lutz Ellerbrock, Oliver Jordan, Ralph Bageritz, Peer Boehm, Michael Schulz, Peter Rech, Manfred Schüler.

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Jürgen Raap hält einen Vernissagenvortrag zur Ausstellung „Kehrwasser“

Mit Arbeiten von Helen Efe Doghor-Hoetter, Petra Maria Runge Gerd Hoetter, Thomas Hartz

Samstag, 13. April 2013, 18.30 Uhr

Kunsthaus Rhenania Köln, Bayenwerft 28

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Bild des Monats März 2013

Beitrag zur Ausstellung „Golgatha“ ab Karsamstag, 30. März 2013

Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler BBK Köln, Stapelhaus, Frankenwerft 35

 

Zur Ansicht des kompletten Bildes mit linker Maustaste auf Bild klicken

golgatha721.JPG

„Herr Bär, Sie haben die Schädelstätte Golgatha gemalt? Das sieht aber eher aus wie der Kölner Eigelstein?“

Bär: „Dat is ja och dä Eijelstein. Da han se em Mittelalter ein römisches Gräberfeld entdeckt. Se han ävver nit anjenomme, dat da römische Legionäre begraben sin, sondern de hillige Ursula met ihre 11.000 Jungfrauen. Un deswejen han se dann do die romanische Kirche St. Ursula hinjebaut. Später kom die Goldene Kammer hinzu für die Jebeine vun denne 11.000 Jungfrauen“.

„Waren das wirklich 11.000 Jungfrauen?“

Bär: „Wahrscheinlich waren dat nur 1.000. Ävver för dä Reliquienhandel wor dat günstiger, wenn mer Knoche vun 11.000 Skelette verkloppe kunnt… Die Knochen vun denne Jungfraue sin ja nit leicht verderblich, die kann man in so nem Souvenirbüdchen ruhig längere Zeit em Regal stonn losse, bes mer die verkoof kritt…“

Karl-Josef Bär / Jürgen Raap, „Die Obszessionen der Nacht“, 2013

 

bär aktuell nr. 150 – 22. Feb. 2013

Februar 2nd, 2013

Die kommende Bundestagswahl wird wahrscheinlich durch die beste Weinkennerschaft entschieden. Die „BILD“-Zeitung schaute Angela Merkel beim Einkaufen in einem Berliner Supermarkt über die Schulter. Lauch und eingelegte Rote Beete, dazu eine Flasche Macon-Villages, dem der BILD-Reporter „nach dem Öffnen einen fast schon dreisten Geruch nach Akazienhonig“ und eine „dezente Restsüße“ bescheinigte: „Ein sehr gut gemachter Standardwein, Individualität darf man aber nicht erwarten“. Passt also gut zu dem Konformitätsdruck, dem sich die Minister in Merkels Kabinett unterwerfen müssen. Reiner Brüderle hingegen sucht die „dezente Restsüße“ bekanntlich woanders, denn er prahlte, es ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft zu haben, indem er in seiner Amtszeit als rheinland-pfälzischer Weinbauminister sage und schreibe 1.348 Weinköniginnen „getroffen“ hatte. Die Betonung liegt auf „getroffen“, denn der FDP-Spitzenkandidat dementierte, eine solche Zahl an Weinköniginnen auch abgebützt zu haben. Wenn gerade keine Weinkönigin zur Hand ist und nach Erreichen eines gewissen Promillepegels sich ein Kontrollverlust bemerkbar macht, muss an einer nächtlichen Hotelbar schon mal eine FDP-Sprecherin mit strenger Stimme das altbackene Herrenwitzgebaren des Hoffnungsträgers ihrer Partei beenden: „Zeit ins Bett zu gehen, Herr Brüderle“. 

Gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“ legte Brüderle das Bekenntnis ab, er kaufe seine Weine direkt beim Winzer und gäbe für eine Flasche höchstens „sechs bis fünfzehn Euro“ aus. Wer abnehmen und sich nicht wochenlang mit lauem Wassersüppchen kasteien will, dem ist zur „Reiner Brüderle-Diät“ zu raten, bei der man „mit Fleischgenuss und einem halben Liter Wein am Tag… 20 Kilo abspecken“ könne. Allerdings, so warnt Brüderle ausdrücklich, vertrügen Frauen weniger Alkohol. Aber die dürfen dann zum Ausgleich Weinkönigin werden.

Sechs Euro für eine Flasche Wein ist als Minimum bei einer FDP-Führungskraft schon akzeptabel, aber wenn der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück herumtönt, einen „Pinot grigio für fünf Euro die Flasche“ würde er nicht kaufen, dann klingt das aus seinem Munde allerdings so großkotzig wie das Gebaren der Neureichen, die gerne auf ein hochtrabend gestaltetes Etikett oder einen schillernden Name wie „Chateau de Clochard“ hereinfallen, der letztlich völlig nichts sagend ist. Früher, in den finsteren 1970er oder 1980er Jahren, da trank der Banause einen künstlich verzuckerten Moselwein, der einem hinterher nur einen dicken Kopf bescherte, während der vermeintliche Kenner ein trockenes Gewächs bevorzugte, das aber eher die Bezeichnung „saurer Hund“ verdiente und Sodbrennen verursachte. Inzwischen wird der saure Hund nur noch zu Industriealkohol verarbeitet, und daher ist der legendäre „Kalterer See“ in der Zweiliter-Flasche für 1,99 bei ALDI längst aus dem Supermarktregal verschwunden. Nur bis zu Peer Steinbrück hat sich das noch nicht herum gesprochen, und deswegen raten ihm seine Wahlkampfmanager nun, nicht mehr mit seiner Weinkennerschaft punkten zu wollen, bei der er wahrscheinlich dem FDP-Konkurrenten Brüderle hoffnungslos unterlegen wäre. Oder hat man jemals etwas von einer weinbasierten „Peer Steinbrück-Diät“ gehört?

Wie glaubwürdig Steinbrück hingegen wirkt, wenn er sich im Wahlkampf statt zur Weinqualität über die Wohnungsmieten äussert, bleibt abzuwarten. Immerhin hatte er als Bundesfinanzminister eine Münchener Wohnsiedlung an den Meistbietenden verscherbelt, was zwar nach den Richtlinien der Bundesvermögensverwaltung formal absolut korrekt war, aber immobilienpolitisch eher einer weiteren verheerenden Ausbreitung des neo-liberalen Heuschreckentums als der notwendigen Bewahrung des sozialen Wohnungsbau genützt hat. So sei zur Einstimmung in die Fastenzeit, wo man als strenggläubiger Liberaler mit der Brüderle-Diät bis Ostern aussetzen muss, noch nachträglich ein schöner Witz aus dem Kölner Karneval überliefert: Wie baggert der Brüderle nachts um zwölf an der Hotelbar eine Frau an? – Er sagte zu ihr: „Erst bringe ich den Rösler ins Bett und dann kommst du dran!“ Alkohol in der Politik ist normalerweise eher die Domäne der CSU. So berichtete der „Spiegel“ 2010, dass der Verkehrsminister Peter Ramsauer im Bundestag einmal „außerordentlich beschwingt“ an einer nächtlichen Sitzung des Haushaltsausausschusses teilgenommen habe: „Auf die Frage eines SPD-Haushälters, wie Ramsauer denn die Kürzungen beim so genannten kombinierten Verkehr einschätze, entgegnete Ramsauer so schwungvoll wie doppeldeutig: ‚Kombinierter Verkehr? Das ist ganz mein Ding!’ Das sei ‚ein Riesenauftritt’ gewesen, erzählten anderntags Abgeordnete feixend…“ Dass Ramsauer als Freund der Heiterkeit sich gegen EU-Pläne zu einer weiteren gesetzlichen Absenkung der Promillegrenze für Autofahrer wehrt, kommentiert die Internet-Gazette „Rentner News – Von Rentnern für Rentner“ mit den Worten: „Unterstützung erhält der Minister in breiten Kreisen der CSU, da dort das Fahren unter Alkohol ein akzeptiertes gesellschaftliches Verhalten ist“. Dass auch sonst nicht gedarbt wird, wo Peter Ramsauer auftritt, kann man z.B. einem Bericht im „Deutschen Ingenieurblatt“ entnehmen, wo der „Parlamentarische Abend der Bundesingenieurkammer“ mit Peter Ramsauer und mit „Häppchen, Bier und Wein“ als „zwanglos“ beschrieben wird. Da fragt man sich, was wohl bei einem „zwanglosen“ Abend mit Peer Steinbrück aufgetischt wird. Sicherlich kein billiger saurer Hund. © Raap/Bär 2013

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Bild des Monats Februar 2013:

 

Karl-Josef Bär / Jürgen Raap „Vum Strühot bes nom Zuckerhot, dä Samba litt uns all em Blot“, Acryl auf Leinwand.struehhot_zuckerhot72.jpg

Schild für Karnevalsumzug, 2013

En Berlin laach sich doch jetz dä Klaus Wowereit kapott…

Januar 9th, 2013

„Herr Bär: seit die neue U-Bahnlinie unter dem Kölner Dom durchfährt, zeichnet der Erdbebenmesser Erschütterungen an der Kathedrale auf…“

Bär: „… un wenn de em Dom en dä Andachtskapelle sitzt un dir do janz in Ruhe die Glasmalerei beloors, hörste, wie unger dir die Schienen quietschen, wenn do en U-Bahn vorbei fährt… da klirren sojar die Fensterscheiben vun dä Glasmalerei…“

„Aber wie ist das politisch zu beurteilen, Herr Bär?“

Bär: „En Berlin laach sich doch jetzt dä Klaus Wowereit kapott, dat se nit immer nur met de Finger op ihn zeigen, weil dä Jeck schon widder die Eröffnung vun singem neuen Flughafen verschieben muss, bloß weil die vun dä Baufirma ze doof sin, die Brandschutzwände do richtig einzubauen. Man will sich ja nit vürstelle, wat en däm neue Flughafen da alles wackelt, wenn da auch mal ne U-Bahn drunter durch fährt, wie beim Kölner Dom… Dat is ja irjendwie tröstlich, dat et Bauskandale nit immer nur en Kölle jitt…“

Bild des Monats Januar 2013

Januar 1st, 2013

„Herr Bär, Sie haben ja schon wieder den halben Severin gemalt?“

Bär: „Jojo, ävver diesmal die andere Hälfte“.

Karl-Josef Bär /Jürgen Raap, „Nietzsche auf Abwegen“, 2012

Bild des Monats Januar 2013